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Au contraire

August 23rd, 2010


Winnenden (1)

März 11th, 2009

Derzeit ist noch nicht bekannt, wie der 17-jährige Amokläufer heißt, der in Winnenden mehr als 15 Menschen erschossen hat. Er selbst soll tot sein. Das ist der Stand um 13:30 Uhr. Und was geschieht gerade in den Foren von Computerspielern, in ihren Mailinglisten und auf Facebook? Es wird eifrig über “Killerspiele” diskutiert. Darüber, dass das jetzt natürlich wieder los geht mit der Verteufelung dieses Hobbys / Mediums / Lebensinhalts. Es kann sein, dass das geschieht, es ist sogar sehr wahrscheinlich – was mich nur wundert: Dass dieser “Killerspiel”-Reflex nicht nur bei Journalisten zu finden ist, sondern fast noch stärker und eruptiver bei Spielern. Eine andere Möglichkeit wäre, diese Tragödie als menschliche Tragödie wahrzunehmen, anstatt zuvorderst als Angriff auf das eigene Hobby. Wer in dieser Form über einen Amoklauf mit mehreren Toten redet und sich dabei selbst zum Opfer der Tat stilisiert – und das sogar, bevor irgend etwas geschehen ist -, der handelt zynisch. Und die Aggressivität, mit der diskutiert wird, macht mich mehr als nachdenklich. Ich weiß, Computerspieler sind von “Erfurt” gebrannte Kinder. Dennoch ist es ratsam, erst einmal abzuwarten, ob und wie die von den Spielern gefürchtete Debatte geführt wird: von wem, mit welchem Interesse und mit welchen Argumenten. Denn erst dann gibt es etwas zu sagen. Und zu lernen. Vielleicht sogar, dass “Killerspiele” so harmlos nicht sind.

Was übrig bleibt

Februar 26th, 2009

Es ist immer wieder interessant, was von gelebten Stunden übrig bleibt. Das kann ein Kater sein nach einer durchzechten Nacht oder ein Geldbeutel voller Taxirechnungen, schmutzige Wäsche oder blaue Flecken. Oder Einkaufszettel mit besorgten Besorgungen. Ich mag diese Zettel, denn sie machen die Zeit besonders greifbar: Als Erinnerung für die Zukunft gedacht, erleben sie ihre Gegenwart im Neonlicht des Supermarkts und werden dann augenblicklich zu Vergangenheit, zu erledigtem Leben. Und bin ich wieder zu Hause, kann ich jedem durchgestrichenen Eintrag etwas zuordnen im Kühlschrank, im Obstkorb oder in meiner Kramskammer. Wobei mir auffällt, dass ich früher nie Einkaufszettel geschrieben habe, sondern einfach so losgezogen bin. Vielleicht war mein Leben damals ungeordneter, vielleicht versteckt sich dahinter aber auch, dass es sogar eingefahrener war: dass ich immer dasselbe gekauft habe, statt wie heute mir vorher Gedanken zu machen, was ich am Wochenende kochen oder welcher Käse mir morgen zum Frühstück schmecken könnte (meine Empfehlung: Cailladou). Was ich auch mag: im Einkaufswagen die Zettel anderer Leute zu finden und mir vorzustellen, wer sie sein könnten und welchen Beruf sie haben. Ob sie ihre Tage mit Tiefkühlpizza füllen, mit festkochenden Kartoffeln oder mit einem Strauß Osterglocken. Auf meinem Zettel steht “Honig (mild)”. Das ist ja schon mal nicht schlecht.


Deutsche Helden

Januar 17th, 2009

Mitten in der Hauptproduktion des neuen Heftes zwei Bilder (und ein Bonusbild auf Flickr). Ich mag die Farben. Was ich nicht mag: Menschen, die “Mäc Doof” sagen, wen sie “McDonald’s” meinen. Das hat gestern im Supermarkt eine Frau neben mir in ihr Handy gesagt. Natürlich so laut, als hätte sie “Herr Schlender, bitte Einszwonull. Herr Schlender bitte” gerufen, auf dass Herr Schlender das an der Gemüsetheke noch hören kann. Warum ich das nicht leiden will? Weil es etwas schlecht macht, das man eigentlich anscheinend mag – aus der Erwartung heraus, dass das Gegenüber sich mokieren könnte über einen Besuch bei McDonald’s. Es ist ein Versuch, auf der sicheren Seite zu sein durch vorauseilende Selbstverleugnung. Die selben Leute kaufen sich die BILD, sagen aber “Blöd” dazu. “Ich hab gestern in der Blöd gelesen”, beginnen dann ihre Sätze. Warum ich das gerade schreibe? Weiß nicht. So toll ist es auch nicht (selber Mechanismus). :)*


* Notiz an mich selbst: Weniger Smileys verwenden – sowohl in E-Mails als auch als Pizza.

Anfang 2009

Januar 3rd, 2009

Vorsätze 2009: Mehr Kunst. Mehr Konsequenz. Reich werden an allem. Und dazu bitte ein Beat. Und gut sein, aber nicht zu gut. Dabei so viel Ruhe finden, dass es kracht. Und mehr lesen, mehr hören, mehr Du-weißt-schon-welche-Stelle-an-deinem-Hals. Und weniger tippen, mehr tasten. Unsere eigene Farbe finden und uns damit anmalen. Nicht aufgeben – durchwollen. Geben, was wir haben. Sein, was wir sind. Den ganzen Tag Bus fahren und immer schon am Ziel sein. Und Dezibelbäder nehmen, gemeinsam. Und sich an Häuserwände drücken, nachttrunken. Sich eng aneinander pressen und niemals welken. Und schmecken, was noch nie geschmeckt wurde. Wir könnten uns Sprechblasen zupusten und die Wörter auf uns regnen lassen. Wir können einatmen, ausatmen, es ist noch nichts passiert. Das Jahr ist noch jung. Die Tränen sind noch nicht geweint. Die Witze sind noch nicht gemacht. Wir könnten mehr Kunst wagen. Und mehr Konsequenz. Wir können reich werden an allem. Wir sind der Beat. Ich muss abwaschen, magst du abtrocknen?


Ende 2008

Dezember 31st, 2008

2008 liegt in den letzten Zügen, und ich sitze in der Bahn nach Frankfurt. Es ist lange her, dass ich dort Silvester gefeiert habe, und das ist ein seltsam passender Abschluss dieses Jahres voller Veränderungen. So viel hat 2008 gebracht und genommen, so dass nichts ist mehr so ist, wie es war. Vielleicht werde ich in diesem Jahr zum ersten Mal Raketen verschießen, damit 2009 mit einem Knall beginnt. Ich werde auf versuchen, eines dieser Plakate zu treffen, die in Hessen überall hängen – auch wenn sich dieser böse Geist damit wohl nicht vertreiben lässt. Wir lesen uns Zweitausendundneun wieder. Bis dahin: allen einen guten Rutsch und alles, alles Gute!

Lob an mein Gehirn

Dezember 22nd, 2008

Es trug sich zu vor ein paar Wochen, da strömte ich gerade nach einem überaus enttäuschenden Fußballspiel aus der “Commerzbank-Arena” in Frankfurt und wanderte am Rande eines Waldes entlang, als plötzlich ein Flugzeug recht tief über mich hinweg flog – und ich dachte bei mir: “Ah, das ist wohl die Einflugschneise des Flughafens.” Oder ich wollte das zumindest denken. Ich dachte aber: “Ah, das ist wohl die Einschneißfliege des Flughafens.” Und ich freute mich über mein Hirn, das sich so etwas Schönes wie eine Einschneißfliege ausdenken kann. Leider weigerte es sich, auch das Bild einer solchen Fliege in meinen Kopf zu zaubern, einer vielleicht sogar, die sich gerade völlig versunken dem Einschneißen widmet wie manche Menschen einem Puzzlespiel, wenn nur noch Wolkenteile übrig sind. Und wie ich so versuche, mein Hirn doch noch zu einer entsprechenden Fantasie zu überreden, lässt es mich stattdessen an ein Plakat denken, das ich ein paar Wochen vor dem Fußballspiel im “Toom”-Markt gesehen und fotografiert hatte – eines, das für “Zuglufttiere” warb. Und ich fragte mich: Sind das Tiere, die nur in der Zugluft gedeihen? Sind sie des Schaffners beste Freunde? Oder wandeln sie gar Polyester in Zugluft um – in der dann meine Fliege glücklich herumschneißen könnte? Leider war keines mehr da, sonst hätte ich bestimmt eines gekauft. So bleibt mir nur, allen vorbeigeschneiten Lesern dieses Blogs schöne und ruhige Weihnachtstage zu wünschen. Und das ist ja auch was Schönes, das in die Zeit passt.

Drei Zeilen: ich

Oktober 19th, 2008

10 PRINT “HALLO WELT ”
20 GOTO 10

RUN

HALLO WELT HALLO WELT HALLO WELT HALLO WELT HALLO WELT HALLO WELT HALLO WELT HALLO WELT HALLO WELT HALLO WELT HALLO WELT HALLO WELT HALLO WELT HALLO WELT HALLO WELT HALLO WELT HALLO WELT HALLO WELT HALLO WELT HALLO WELT HALLO WELT HALLO WELT HALLO WELT HALLO WELT HALLO WELT HALLO WELT HALLO WELT HALLO WELT HALLO WELT HALLO WELT HALLO WELT HALLO WELT HALLO WELT . / USER BREAK

Es gibt Zeiten, da gibt es einfach nicht mehr zu sagen. Dann zählen nur noch Fakten.



Dinge des täglichen Gebrauchs

Oktober 10th, 2008

Innenansichten. Außenwelt. Drinnen sein, raus. Kommt derzeit nicht viel dabei rum. Hier liegt etwas. Mach ein Foto, bevor es sich abnutzt. Schreib was, dann bleibt was. Du arbeitest doch auf dem Satzbau. Der Blick in deinen Augen, ich bin da, weil du auch da bist. Oder schick wenigstens eine SMS, nur wegen des Sendetons. Und schreib mal wieder was in deinem Blog, gib ein gutes Bild ab. Spiel Enigma und codiere dich, dann steht da wenigstens was. Auch wenn du nicht weißt, was du sagen sollst. Gibt es Island noch? Heute Nachmittag gibt es Abwärtsstrudel zum Kaffee.





NQWIWP

September 21st, 2008

Eine liebe Freundin von mir hat mir ein Buch geschenkt. “Not Quite What I Was Planning” heißt es, und es ist eine Sammlung von Memoiren, die nur aus sechs Wörtern bestehen. Ausgedacht haben sich die Erinnerungen und Aphorismen die Leser des amerikanischen “Smith Magazine“, inspiriert wurden sie von Ernest Hemingway, der in den 20er Jahren gewettet hatte, dass er eine eindrückliche Geschichte selbst in sechs Wörtern erzählen könnte – und was dabei heraus kam, beeindruckt mich sehr: “For sale: baby shoes, never worn.” In dem besagten Buch finden sich 220 Seiten voller schöner, trauriger und lustiger Memoiren. Zum Beispiel diese hier:

I was born some assembly required.
She kissed me and I said yes.
Semicolons; I use them to excess.
Fifteen years since last professional haircut.
Study mathematics. Marry slut. Sum bad.
My first concert: Zappa. Explains everything.
Became my mother. Please shoot me.
Well, I thought it was funny.

Und hier sind ein paar, die ich mir ausgedacht habe:

Morgen wird bestimmt wieder alles anders.
14. C64. Amiga. PC. Mac. 39.
Ja, das Bügeleisen ist wirklich aus.
Komme später. Ich kann alles erklären.
Glück: Schönheit sehen in allen Dingen.
Das war vorher nicht da, oder?
Entschuldigung. Sie stehen auf meinem Fuß.
Oh, das habe ich nicht bemerkt.
Man trifft sich immer mal zwei.
Das war nie und nimmer Abseits!

Ja, das geht bestimmt noch besser. Vielleicht fallen mir noch andere ein.

Bis dahin: Eine schöne Woche allen.

Feuilleton

September 10th, 2008

Manchmal treffen Natur und Technik zusammen, und es entsteht etwas Schönes dabei. Heute habe ich mir einen neuen Scanner gekauft, und eines der ersten Objekte, dass ich digitalisiert habe, ist dieses Blatt. Ein totes Blatt, das Gerippe eines Lebens, das hier nun weiter existiert als jpg – und das ich minutenlang anstarren könnte: So fein ist es, so einfach und komplex zugleich. So ruhig und kraftvoll. Ich merke mir: Näher an Dinge herangehen. In allem steckt alles.

Blatt 1
Blatt 2

Belangloser Eintrag

September 5th, 2008

Mein Gott, ich muss dringend schlafen. Aber etwas in mir will das nicht. Vorgestern nicht wirklich, gestern auch nicht und heute erst recht nicht. Dabei freue ich mich immer, wenn ich schließlich im Bett liege und mich ausstrecke, wenn ich mein eigenes Gewicht nicht mehr tragen muss und der Mond durch mein Fenster fingert. Und müde bin ich auch. Eigentlich. Seltsam, das alles. Jetzt schreibe ich schon nach Mitternacht Blog-Einträge darüber, dass ich nicht schlafen mag, nur um nicht schlafen zu gehen. Vielleicht sollte ich währendessen noch im Fernsehen fremden Leuten beim Schlafen zusehen. Der Mensch ist ein seltsam Wesen. Und ich auch. Gute Nacht.

Lessons learned

Juli 29th, 2008

Was ich in und nach Amerika alles (wieder) gelernt habe:

  1. Smalltalk muss nicht schlecht sein. Es ist schön, wenn fremde Menschen ihre Lebensgeschichte nicht in Kisten verpackt in den Keller gestellt haben, sondern einfach so darüber plaudern können. Obwohl man sie danach nie wieder sieht.
  2. Wenn das Auge bis zum Horizont blicken kann, wird man selbst ganz weit.
  3. Amerika hat die Kraft, sich stetig zu verändern. Und es ist gerade dabei, das zu tun.
  4. Ist man in einem Land nach vielen Jahren zum zweiten Mal am selben Ort, gewinnt nicht immer die Erinnerung an den ersten Besuch. Aber zumeist.
  5. Ich mag Fanta Strawberry mehr, als ich zugeben möchte.
  6. Man kann nach so einer Reise mehr als 36 Stunden wach sein, obwohl der Körper schläft.
  7. Das Hauptquartier von “Facebook” sieht aus wie das meines Steuerberaters.
  8. Es ist nicht besonders glücklich, ausgerechnet in dem Moment “Pardon?” zu sagen, wenn man gerade für sein gutes Englisch gelobt wird – aber sehr, sehr lustig.
  9. Die Freude auf den ersten Burger ist genau so groß wie auf den letzten.
  10. Eine Rolle Toilettenpapier der Marke “Kirkland” enthält 425 zweilagige Blätter mit jeweils einer Größe von 10.1 x 11.4 cm, was einer Fläche von 53.1 sq ft oder 4,9 m2 entspricht.

Facebook HQ

Zwischenhalt

Juli 12th, 2008

Es ist vorbei. Meine letzte ICE-Fahrt für die nächste Zeit, mein letztes Mal Berlin für die kommenden Wochen. Ich habe nicht viel von der Stadt mitbekommen vor lauter Arbeit, aber sie ist mir ein wenig mehr ans Herz gewachsen: Höre ich in den Nachrichten nun das Wort “Berlin”, fühlt sich das näher an als zuvor. Vieles werde ich vermissen: die Kollegen (besonders einen), die breiten Straßen, den Kontrast zu Hamburg (auch wenn ich nicht beim Scheibenkratzen erwischt worden bin und bereits einen Player habe), das Schrippenmobil und die Sushierlebnisse in der Mittagspause. Jetzt sitze ich gerade in Hamburg und packe bereits für den nächsten Aufbruch. Ist das gut so? Ja, das ist gut so. Aber ein wenig sehne ich mich auch nach Stillstand. Es heißt ja, dass die Seele zu Fuß hinterher kommt. Ich hoffe, meine kommt noch pünktlich vor Abreise an.

Berlin Hauptbahnhof
Geschäftsaufgabe
S-Bahn Berlin

Betreten

Juli 2nd, 2008

Dieser alte Mann ist mir schon länger aufgefallen. Er sitzt gerne auf der Bank “Unter den Linden” Richtung Humboldt-Universität. Ich weiß nicht, ob er blind ist oder nur in Ruhe gelassen werden will. “Betreten bei Schnee und Glätte auf eigene Gefahr” steht auf dem Schild. Ob er das weiß? Ich traue mich nicht, ihn zu fragen, ich habe Angst vor betretenem Schweigen. “Im Grunde genommen sind es doch die Verbindungen zu Menschen, welche dem Leben seinen Wert geben”, hat Wilhelm von Humboldt richtig gesagt. Vielleicht sollte ich mir einfach einen Ruck geben und ihn ansprechen.

Bank