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So sehn Sieger aus

Juni 24th, 2010

Um eins vorweg zu sagen: Ja, ich weiß, dass ich zur falschen Zeit am falschen Ort war. Und dass ich das Spiel zuvor – Zeugen können das bestätigen – nicht mit Leuten gesehen habe, die sich als verbissene Fans der deutschen Nationalmannschaft bezeichnen würden. Ich weiß: Ich hätte nicht nach Abpfiff des Spiels Deutschland : Ghana am zentralen Kundgebungsort des Hamburger „Public Viewings“ vorbei fahren sollen. Aber was soll ich machen, es ist nun mal mein Heimweg. Und ein ruhiger Heimweg ist das, zumindest an anderen Tagen als gestern. Denn gestern kamen mir dort tausende in schwarz-rot-goldene Farben gekleidete Männer und Frauen entgegen, die wahlweise „Deutschlaaaaand, Deutschlaaaand!“ oder „So sehn Sieger aus!“ grölten, eskortiert von hupenden Autos mit Deutschland-Flaggen und überhöhter Geschwindigkeit. Tausende Männer und Frauen wohlgemerkt, die zuvor ein durchschnittliches Fußballspiel gesehen hatten, das Deutschland durch seine fast einzige Torchance gewonnen hatte. Ich bin bei weitem kein Miesmacher: Ich akzeptiere, dass andere Menschen eine höhere Identifikation mit diesem Land und seiner Mannschaft haben, und ich habe auch nichts gegen Fußballfans. Aber um bei den Fakten zu bleiben: Deutschland hat die Vorrunde der Weltmeisterschaft überstanden. Mit einem knappen Sieg gegen Ghana. Das ist gestern passiert. Mehr nicht. Der Grund für diesen überspitzten, national gefärbten Jubel muss also woanders zu finden sein. Ist es die Freude am Event? Auch. Mischt sich darin Erleichterung, nicht in der Vorrunde ausgeschieden zu sein? Bestimmt. Die jedoch würde sich anders anfühlen. Demütiger vielleicht und weitaus weniger aggressiv. Nein, der Hauptgrund ist ein anderer: Es gibt in diesem Land eine ungemein übersteigerte Sehnsucht nach 2006, nach dem „Sommermärchen“, nach „wir“ und „wir sind alle Schwarz-rot-geil“ – danach, sich endlich wieder in der Masse Deutsch zu fühlen und das auch zu zeigen. Das haben viele vor vier Jahren zum ersten Mal erlebt. Das wünschen sie sich zurück (und haben anscheinend vier Jahre auf den kleinsten Anlass gewartet).

Ich gebe zu: Diese Masse an Schwarz-rot-Geilen hat mir Angst gemacht. Insbesondere, weil es ihr nicht genügt hat, sich über den deutschen Sieg zu freuen, nein: Sie hat mit einem Schlag alles vermeintlich Undeutsche ausgegrenzt – also alle, die keine Landesfarben in der Kleidung oder im Gesicht trugen oder nicht mitsingen wollten. Ich bin, nachdem ich mehrfach fast von Jubelautos überfahren oder vom Fahrrad gestoßen wurde, endlich bei meinem Kiosk angekommen. Davor stand eine Frau, „schalalalala, so sehn Sieger aus!“ singend. Ich wollte an ihr vorbei zum Eingang. Sie hat sich mir in den Weg gestellt und weiter gesungen. Ich habe mit den Augen gerollt. Und wollte nur an ihr vorbei. Sie hört auf zu grölen und schreit mir ins Gesicht: „Du bist wohl kein Deutscher, oder was?!“ „Schon“, murmle ich und dränge mich an ihr vorbei – nur anscheinend ein etwas anderer als sie. Ich mag zum Beispiel Fußball, und das nicht nur alle vier Jahre. Und nicht wegen Deutschlaaaand. Ich nehme deutsche Siege oder Niederlagen nicht persönlich.

Manchmal wünschte ich mir, 1954 – oder besser noch: 1990 – wäre nie passiert. Wir wären eine kleine Fußballnation und würden uns ehrlich über jeden Sieg freuen können. Denn jeder unserer Gegner wäre übermächtig, und wir würden jubeln über jedes überraschende Tor.

Wir wären ein wenig mehr Ghana. Aber das geht natürlich nicht. Denn wer sind die schon?

Andere Frage: Was wäre gestern eigentlich passiert, wenn die Mannschaft verloren hätte? Wäre die Reaktion darauf genau so hysterisch ausgefallen? Vielleicht ist es unter anderem die Angst vor der Antwort auf diese Frage, die mich davon abhält, Teil dieser Jubelgemeinde sein zu können.

Immerhin weiß ich nun: Das England-Spiel schaue ich lieber zu Hause.

Hamburg, eure Perle

März 9th, 2010

Außerdem war ich vor kurzem erstmals im “Miniaturwunderland” in Hamburg, dieser riesigen Mini-Eisenbahnlandschaft im Hafen. Und mein Gott, war das voll da. An einem Montagvormittag. Nicht auszudenken, was am Wochenende dort los ist. Ein Besuch dort ist aber auch wirklich ganz nett für eins, zwei Stunden: Züge fahren durch Hamburg, durch die USA und Skandinavien und an einem DJ Bobo-Konzert vorbei. Die Zielgruppe – Kinder und Kinder in bärtigen Männern – ist begeistert. Und gerade den HSV-Fans wird einiges geboten, nämlich ein sehr liebevolles Modell der HSH Nordbank-Arena inklusive Videoleinwand und einem dort gerade stattfindenen Heimspiel gegen den FC St. Pauli. Dass dieses 4:1 gewonnen wird, kann ich ja noch verstehen (man will ja keine Besucher so verärgern, dass sie im museumseigenen Restaurant keine teure Wurst mehr essen mögen) – aber dass, während das Spiel läuft, draußen noch St. Pauli-Fans vor dem Eingang von der Polizei eingekesselt werden, war mir dann doch zu viel Wirklichkeitsnähe (schön allerdings finde ich, dass es der Ultra mit dem Megaphon anscheinend nicht pünktlich zum Anpfiff geschafft hat – und stelle mir vor, wie seine Genossen im Stadion nun gar nicht wissen, was sie singen sollen). Ansonsten bedauere ich die Mitarbeiter des Wunderlands, dass sie alle paar Monate den Namen des Stadions ändern müssen, und weise sie noch auf einen Fehler hin: Die vielen Autos, die vor der Arena parken, haben allsamt Hamburger Nummernschilder. Kein einziges kommt aus Pinneberg oder Winsen an der Luhe. Das raubt dem Gesamtwerk einiges an Authentizität.

Minaturwunderland 1

Minaturwunderland 2
Minaturwunderland 3
Minaturwunderland 5Minaturwunderland 4

Walk on (and never come back)

Januar 24th, 2010

Ich war gestern im Stadion gegen Aachen. Es waren außer mir noch weitere 19629 Zuschauer da. Und ich stand ausgerechnet hinter den schlimmsten und widerwärtigsten St. Pauli-Fans, die ich je erlebt habe. Zur Vorgeschichte: Beim Hinspiel in Aachen ist ein St. Paulianer von einer Brüstung gestürzt und hat diesen Fall nur sehr knapp überlebt. Viele haben ihm Glückwünsche gesendet danach, viele haben Geld gespendet, Fans und beide Vereine haben ihn also mit allen Kräften unterstützt.Gestern war er im Stadion, um sich zu bedanken. Oder er hat es versucht. Er stand vor Anpfiff auf dem Spielfeld und hat zwei Mal angesetzt, eine vorbereitete Rede zu verlesen. Zwei Mal ist er nicht über die ersten Sätze hinaus gekommen, dann hat ihn seine Stimme verlassen – und er hat begonnen, zu weinen. “Ich danke als erstes dem Aachener Mannschaftsarzt” – Tränen. “… der mich zwei Mal zurück geholt hat”. Tränen, Schluchzen. Über Lautsprecher. Jeder im Stadion musste spüren, wie schwer ihm das fiel. Und wie dankbar er war. Viele haben ihm applaudiert, um ihm Mut zu machen. Nur die Idioten vor mir nicht. Die haben gelacht. Die ganze Zeit. “Was soll das denn jetzt, ich bin doch zum Fußball hier”, hat der eine seinen Kumpels zugerufen. Lachen. “Oooh, mir wird ganz warm ums Herz”, rief der andere. Lachen. Und als der Fan zu einer Runde um das Spielfeld ansetzte – “oh nein, das jetzt auch noch”– sich bei den Aachener Fans bedankte und schließlich vor der Südtribüne ankam und dort beklatscht wurde, fielen zwei der schlimmsten Sätze, die ich im Stadion je gehört habe. “Der hat sich damals wohl absichtlich fallen gelassen, um heute bejubelt werden” und “Haha, jetzt ruscht er bestimmt gleich aus und knallt mit dem Kopf gegen den Torpfosten.” Mir fehlt die Vorstellungskraft, mich in diese Köpfe hinein zu versetzen. Das war so unglaublich abstoßend und menschenverachtend, ich hätte nicht gedacht, dass ich so etwas am Millerntor jemals erleben würde. Und bin dann in der Halbzeit gegangen. Aus Ekel. Und enttäuscht von mir selbst, dass ich den Typen nicht einfach eine geknallt habe.

Gartensterben

Oktober 18th, 2009

Es ist viel los in der Stadt. Viele Menschen entdecken gerade, dass sie sich nur bewegen müssen, um etwas zu bewegen. Sie beginnen miteinander zu reden und entdecken Gemeinsames – und oft erkennen sie dabei, dass sie nicht nur gemeinsam gegen etwas sind, sondern von ganzem Herzen für etwas: für ein Hamburg, in dem sie gerne leben möchten – und das sie so leben lässt, wie sie wollen. Das ist der Nenner, der zählt. Ob das neu belebte Gängeviertel, das bunte Frappant, das Gartenkunstnetz oder die bedrohte “Kogge” auch in dem neuen Hamburger Panini-Sammelalbum vorkommen? Vielleicht wäre das gar nicht so schlecht. Vielleicht würden die entscheidenden Behörden dann endlich erkennen, dass nicht nur etwas wert ist, was sich in Euro berechnen lässt. Dass eine “wachsende Stadt” auch wachsen lassen muss, was sich nicht beschneiden lassen will. Ich war heute draußen bei widerständigen Kleingärtnern. Die “Schreberspacken” kämpfen unter dem Motto “Apfelbaum braucht Wurzelraum” derzeit um den Erhalt ihrer Gärten. Um Wildwuchs, um Platz für Gemüse und Obst, um ein Stück eigene Natur, um ihren Lebens- und Erlebensraum neben der Autobahn. Wie gradlinig es schon ein paar Meter weiter aussieht, habe ich fotografiert.

Holmbrook 1
Holmbrook 2
Holmbrook 3
Holmbrook 4
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9/13

September 13th, 2009

Die Kosten für den Einsatz + Schaden im Arbeitslager bearbeiten lassen, nix mit Wegsperren auf Staatskosten… Steinbruch ist die Lösung. Kesselt dieses Pack ein und treibt es in die Elbe. Und achtet darauf, dass keiner wieder ans Ufer kommt von diesem arbeits- und lichtscheuen Gesindel. Die Chaoten müssten nach Afghanistan geschickt werden. Dort könnten sie gegen die Taliban mal zeigen was sie so alles drauf haben. Markiert die Typen mit Farbe, so kann man sie nachher schneller finden. Knüppel raus und drauf, und meine Segen habt ihr, liebe Polizisten.

Soweit die Gewaltfantasien in den Köpfen der BILD-Zeitungsleser. Das ist nicht verwunderlich. Was ich gerne wissen würde: Was die Idioten sich denken, die gestern Nacht die Wache in der Lerchenstraße angegriffen und dann stundenlang durch das Viertel randaliert haben. Wie geil muss das gewesen sein, im Lichtkegel eines Hubschraubers auf Polizisten loszugehen bzw. davon zu rennen – irgendwie voll Hollywood, total Staatsfeind Nr. 1, krass ACAB und so; gibt bestimmt viel zu erzählen zu Hause in der Vorstadt. Ich verstehe ja deren Verzweiflung darüber, dass das Schanzenfest fast völlig friedlich verlaufen ist, dass Kissen und Federn flogen statt Steine, und dass Volleyball vor der Roten Flora gespielt wurde statt Paintball – nur: Niemand soll mir erzählen, dass das, was Mitternacht passiert ist, irgendetwas mit Politik zu tun hat oder mit den Problemen des Viertels oder der Stadt. “Die Polizei sprach von mehreren hundert gewaltbereiten Randalierern aus unterschiedlichen Lagern. Darunter waren auffallend viele Jugendliche und angetrunkene Festbesucher, die erkennbar nicht zum links-autonomen Spektrum zählten”, ist zu lesen, und das kann ich bestätigen: Je später es wurde, desto mehr Gruppen von Jungs mit dicker Hose haben sich unter das Fest gemischt, aggressiv gegen die Leute, die seit Stunden dort gefeiert haben und nur darauf aus, Stress zu machen. Es ist wohl nötig, dass die Menschen, die das Schanzenfest als politisches Fest verstehen, sich beim nächsten Mal Gedanken darüber machen, wie Gewalt der Gewalt willen zu vermeiden und zu ächten sein könnte. Wie das Fest verläuft, wenn die Polizei sich im Hintergrund hält, wissen wir nun – und diese Strategie der Polizei war so überraschend wie gut – jetzt wird es darum gehen, zu zeigen, dass das Schanzenfest sich selbst schützen kann vor Krawallmachern ohne Sinn, Verstand oder jeglicher politischer Motivation.

Nachtrag: Hier bei Indymedia gibt es zwei Kommentare – von “Anwohner” und “piper” – über die ich mich sehr gefreut habe. Ein Auszug: “Seit Jahren haben wir argumentiert, die Gewalt ginge vom Staat aus, die Polizei habe wegen Kleinigkeiten das Schanzenfest mit unverhältnismässigen Mitteln ‘angegriffen’. Anwohner und Lädenbesitzer haben sich solidarisiert, haben gemeinsam mit linken Strukturen das Fest durchgesetzt und öffentlich Druck gemacht, es in Ruhe zu lassen. Seit gestern ist das nicht mehr möglich.”



Besonders großartig gestern war die Kissenschlacht – eine nicht enden wollende Kissenschlacht: Mehr als eine halbe Stunde lang war der Platz vor der Flora in Federn gehüllt; es war, als würde es schneien im Spätsommer. So viel Lächeln habe ich selten bei so vielen Leuten gesehen. An verflaumten Haaren und Kaputzenpulis war noch lange Zeit später zu bestimmen, wer mittendrin gewesen war – der Punk, der Student, der Kameramann. Und das Schöne: Ich hatte das Gefühl, dass die meisten Kissenwerfer wussten, dass es dabei um mehr ging als nur um ein Event.



Es brennt!

Juli 21st, 2009

Heute ist der Tag, an dem der neue Adidas-Franchise-Store am Schulterblatt eröffnet, genauer gesagt am Schulterblatt 11 – dort, wo ich meine schöne, rote Umhängetasche gekauft habe. Wo es einen Laden gab, in dem sich weißhaarige Frauen und Männer ganz viel Zeit genommen haben, bis ich die richtige Tasche hatte. Und erst zufrieden waren, als ich es war. Den Laden gab es ewig, nun gibt es ihn nicht mehr. Genau so wie den alten Friseurladen und 1000 Töpfe und meinen alten Bäcker. Nun ist natürlich nicht alles Neue schlecht, nur weil es neu ist – aber es stirbt jedes Mal ein Stück Einzigartigkeit (und genau die soll es doch sein, wegen der dieses Viertel so beliebt ist). Wer weiß: Vielleicht folgen bald H&M und Zara und Starbucks und Burger King und Subway und Nike, und dann zieht ein Mediamarkt in die Flora und im Centro Soziale eröffnet ein Schweinske – und dann ist endlich alles gut und entstört. Dann sieht es hier aus wie überall: Das Viertel ist geldverkehrsberuhigt, auf den Bürgersteigen stehen sich die Wachleute der Geschäfte die Füße platt, und wer hier dann nicht ins Bild passt, der bekommt auf’s Maul, und Nachts ziehen sich dann Agentur-Praktikanten schwarze Kaputzen ins Gesicht und sprühen flotte Guerilla-Marketing-Sprüche an die Wände, weil ihre flotten Kunden auf so was stehen, auf so was Subversives und Alternatives, auf so was mit Ironie und Augenzwinkern. Ja, das ist Galgenhumor. Und es muss ja auch alles nicht so kommen. Heute Abend läuft am Millerntor übrigens der Film Empire St. Pauli, eine Dokumentation über die Umstrukturierungen im Stadtteil. Danach wird es eine Demo geben.



Wer lebt, stört

Juli 11th, 2009

Ich wollte hier schon lange etwas schreiben zum Schanzenfest und über den Angriff auf das Jolly Roger: zu Wasserwerfern, die ohne Vorwarnung in ein friedliches Fest hinein brettern und auf Feiernde drauf halten, zu Polizisten, die Reizgas in geschlossene Räume sprühen und einem St. Paulianer mit dem Gummiknüppel die Zähne ausschlagen – und zu all dem, das hier im Stadtteil passiert an Vertreibungen und Videoüberwachung und uniformierter Präsenz. Ich wollte schreiben über die Kriminalisierung jeglichen Widerstands und darüber, wie ein mir liebes Viertel gerade mit Geld und Gewalt auf Massenkonsum getrimmt und damit zu Brachland wird. Und gerade, als ich loslegen wollte, flattert der neue Newsletter des “Übel & Gefährlich” in meine Mailbox. Und, Mensch!, da steht doch alles – und besser hätte ich es nicht schreiben können:

Bevor hier das letzte alte Haus abgerissen oder marmorsaniert ist, bevor das letzte Kino geschlossen, der letzte Buchladen rausgeekelt, die letzte Oma aus ihrer Wohnung ins Heim genötigt wurde und die ganzen kaufschwachen Studenten nach Wilhelmsburg umgesiedelt sind, am besten gleich mit der kompletten gottverdammten Uni, weil aus der alten kann man bestimmt ein tolles Einkaufsquartier machen – bevor Sie, werte Leser, hier also alle nicht mehr wohnen und leben können und wollen und nur noch Zaungäste sind, damit die Firma Stadt ihr Säckel schön voll machen kann, um zum Beispiel die ein oder andere Landesbank vor der eigenen Dummgier zu retten oder verlustbringend Krankenhäuser zu privatisieren; bevor hier also alles aus Geldgeilheit und Gleichmachungswahn vernichtet ist und kaltgestellt und verödet, bevor hier überhaupt einfach nichts mehr ist, was das Leben lebenswert macht, und alle, die dagegen sind oder im Weg stehen, ihre Schneidezähne aus Schlagstöcken klauben müssen, aber kein Geld haben, sich neue zu kaufen; bevor wir also endlich alle zu Tode gefilmt, geregelt, geklagt und verarmt wurden, und unsere Überreste sich am Stadtrand türmen, auf dass wir dort die Viertel beleben für H&M in zehn Jahren, für den ewig wuchernden Kreis der Krake Kapital; bevor also nur noch Musicalbesucher, Messefressen und eigentumsgeile Polizeigewaltbeführworter durch jene Straßen flanieren, wegen deren Andersartigkeit und Lebendigkeit wir dereinst nach Hamburg gezogen sind; bevor es also verdammt noch mal soweit ist, bitten wir inständig um zivilen Ungehorsam und kluge Reaktion gegen Mauerbauer, Rausklager, Draufhauer und Ausbeuter. Sonst singen wir bald alle brav im Chor: „Aber hier leben, nein Danke.“ Und sind raus.

An dieser Stelle noch vielen Dank an alle, die gestern auf der Demonstration gegen Polizeigewalt waren. Ich muss danken, obwohl es mir eigentlich nicht zusteht, schließlich habe ich nichts organisiert oder geregelt, ich war einfach auch nur da. Es ist ein Dank an alle, die auch einfach nur da waren. Danke an die tausenden Anhänger des FC St. Pauli, die friedlich blieben trotz der Wasserwerfer und Räumpanzer. Danke für die Musik aus dem Lautsprecherwagen. Danke an den Verein für die Unterstützung. Danke auch an die besonnenen Polizisten und Ordner. Danke an alle, die in der Demo den nicht so Besonnenen die Astra-Flaschen abgenommen haben und Situationen entschärft haben, in denen das Ganze hätte schief gehen können. Und vielen Dank an die HSV-Fans, die ich gesehen habe. Auf so eine Demo zu gehen, mittenrein zwischen tausende St. Paulianer – der Sache wegen und gemeinsam auf der Straße dieser Sache wegen: Das hat mich noch glücklicher gemacht als ich eh schon war angesichts dieser Masse an Menschen, die in so kurzer Zeit zu mobilisieren waren. Danke für all die Solidarität und den Zusammenhalt.

Lang, Zeit, Belichtung

März 24th, 2009

Jetzt wird alles gut: Lang Lang hat seine Killerspiele in die Ecke geräumt, und damit sollte auch der letzte etwas zu diesem Thema gesagt haben, der auch nur irgendwie vor hatte, sich zu äußern für eine schnelle Schlagzeile. Ich jedenfalls bin der Diskussionen müde, ich habe keine Lust mehr, mir faktisch falsche Berichte im Fernsehen anzugucken oder Artikel in Zeitungen zu lesen, deren Verfasser nicht einmal den Unterschied zwischen “Warcraft” und “World of Warcraft” kennt. Ich bin jetzt ein Baum im Regenwald und werde künftig die Äußerungen jener Bäume nicht mehr zur Kenntnis nehmen, die zwischen Ästen und Wurzeln nicht unterscheiden wollen. Ich schreibe weiter meine Texte über dies und das, mache ein paar Fotos von diesem und jenem und bin gespannt auf dem Tag, an dem es möglich sein wird, in diesem Land über Videospiele ruhig und sachlich zu reden. An denen gäbe es nämlich eine Menge zu kritisieren. // Die Fotos unten habe ich schon vor Wochen gemacht, und ich freue mich darüber sehr – denn an der Puppe, dem energiegeladenen Kleiderladen und den Nostalgie-Elefanten komme ich fast jeden Tag vorbei, und immer wieder hatte ich entweder meine Kamera nicht dabei oder gerade keine Zeit für ein Foto. Ich hätte es sehr schade gefunden, wenn all diese Dinge plötzlich weg gewesen wären und ich die Chance verpasst hätte, sie zu bewahren – denn so banal sie erscheinen mögen: Kennt nicht jeder den kurzen Schmerz, der einen überfällt, wenn plötzlich etwas, das immer da war, nicht mehr da ist? Das alte gelbe Telefonhäuschen, der nette Bäcker um die Ecke, der freundliche Busfahrer, der nun eine andere Route fährt? Ich weiß: Dafür kommt dann etwas Neues, dass irgendwann schon immer da gewesen sein wird – aber das hilft in dem Moment auch nicht weiter. Ich finde es schön, mir nun in zehn Jahren noch die Schaufensterpuppe aus dem Hochzeitskleidergeschäft ansehen zu können. Vielleicht habe ich genau deswegen überhaupt angefangen, Fotos zu machen.



Winnenden (2)

März 12th, 2009

Stand 23:30 Uhr: Noch immer haben weder die Polizei noch Journalisten (mit Ausnahme der SZ und Spiegel Online, gekennzeichnet als Gerücht) offiziell bestätigt oder recherchiert, dass Tim K., der Amokläufer von Winnenden, ein “Killerspieler” war, dass er also gewalthaltige Videospiele gespielt oder besessen hat. Tischtennis ja, Egoshooter nein. Was also bringt die ARD dazu, für ihre Sendung “Hart aber fair: Schule der Angst – was macht Kinder zu Amokläufern?” einen Computerspielexperten des WDR einzuladen und eine Psychologin, die im Vorspann vorgestellt wird als jemand, der Videospiele für eine Gefahr hält. Und dazu noch Christian Pfeiffer, der bereits in seinem ersten Statement auf “Killerspiele” eingeht (und dabei so wirkt, als sei sogar ihm diese Zuspitzung peinlich). Es gibt dazu keine Lage, keine Fakten, nichts, und selbst wenn sich das nach weiteren Recherchen in den kommenden Tagen ändern sollte: Das hat mit meinem eigenen Verständnis von Journalismus nichts zu tun, und es gibt nichts, das dies rechtfertigen könnte. Dabei ist es nicht wichtig, wie die ARD-Diskussion im einzelnen gelaufen ist: Alleine die Tatsache, dass dort über etwas gestritten wird, für das es – Stand 23:30 Uhr – überhaupt keinen Anlass gibt, verwundert mich, gelinde gesagt. Mich persönlich und mich als Journalisten*.

Und eine Frage habe ich an Herrn Bosbach (oder an die kundigen Leser dieses Blogs):

Es gibt Spiele, da fliehen Menschen vor Foltermaschinen, rufen halbnackt um Hilfe, und jetzt ist es Aufgabe des Spielers, zu töten – aber nicht die Angreifer, sondern die ihn um Hilfe anflehen. Je mehr Hilfesuchende er tötet, desto höher steigt er im Level, desto erfolgreicher ist er.

Was für ein Spiel ist das? Wer mir das sagen kann, schicke mir bitte eine Mail.

* auf die Frage, warum auch über das Internet*** und über Rapmusik diskutiert wurde, gehe ich lieber nicht ein. Das verstehe ich nämlich noch weniger**. Als ginge es wirklich darum.

** am allerwenigsten verstehe ich allerdings die Mutter, die heute im Fernsehen zu sehen war, die vor der Schule erschüttert erzählt, dass ihre Tochter “alles miterlebt hat, zu Hause sitzt und zittert und weint”. Wäre ich die Tochter, würde ich mir wünschen, dass meine Mutter in dieser Situation bei mir ist, anstatt Interviews zu geben. Aber wer weiß: Vielleicht hatte sie ja auch einen Grund.

*** Nachtrag 23:50 Uhr, “Tagesthemen”, Zitat: “Auch der Amokläufer soll im Internet gewesen sein”. Ach so. Dass da niemand Verdacht geschöpft hat. Ich werde sarkastisch. Gute Nacht.

Winnenden (1)

März 11th, 2009

Derzeit ist noch nicht bekannt, wie der 17-jährige Amokläufer heißt, der in Winnenden mehr als 15 Menschen erschossen hat. Er selbst soll tot sein. Das ist der Stand um 13:30 Uhr. Und was geschieht gerade in den Foren von Computerspielern, in ihren Mailinglisten und auf Facebook? Es wird eifrig über “Killerspiele” diskutiert. Darüber, dass das jetzt natürlich wieder los geht mit der Verteufelung dieses Hobbys / Mediums / Lebensinhalts. Es kann sein, dass das geschieht, es ist sogar sehr wahrscheinlich – was mich nur wundert: Dass dieser “Killerspiel”-Reflex nicht nur bei Journalisten zu finden ist, sondern fast noch stärker und eruptiver bei Spielern. Eine andere Möglichkeit wäre, diese Tragödie als menschliche Tragödie wahrzunehmen, anstatt zuvorderst als Angriff auf das eigene Hobby. Wer in dieser Form über einen Amoklauf mit mehreren Toten redet und sich dabei selbst zum Opfer der Tat stilisiert – und das sogar, bevor irgend etwas geschehen ist -, der handelt zynisch. Und die Aggressivität, mit der diskutiert wird, macht mich mehr als nachdenklich. Ich weiß, Computerspieler sind von “Erfurt” gebrannte Kinder. Dennoch ist es ratsam, erst einmal abzuwarten, ob und wie die von den Spielern gefürchtete Debatte geführt wird: von wem, mit welchem Interesse und mit welchen Argumenten. Denn erst dann gibt es etwas zu sagen. Und zu lernen. Vielleicht sogar, dass “Killerspiele” so harmlos nicht sind.

Zwei Weltkriege

September 30th, 2008

Ich habe gestern und vorgestern zwei Kriegsfilme gesehen. Der eine – die Langfassung von “Das Boot” – war auch nach all den Jahren beeindruckend, beklemmend und voller guter Schauspieler und Dialoge. Der andere war die Neufassung des Schulstundenklassikers “Die Brücke” von 1959, den ich wirklich zum ersten Mal in der Schule gesehen habe. Und der mich heute immer noch beeindruckt auch wegen der schauspielerischen Leistung von Fritz Wepper. Nun hat sich Pro Sieben an ein Remake gewagt, und es war grausam. Nicht nur wegen der unfassbar schlechten Schauspieler, der miesen Dialoge oder der Nazidarsteller, die wirkten, als hätten sie vormittags “Switch” gedreht und nachmittags Krieg gespielt. Und nicht nur, weil die Jungsgruppe aussah wie eine Mischung aus Goonies und TKKG (wobei Klößchen natürlich gleich als erstes gestorben ist) oder weil die Schauspieler weniger Tiefe zeigten als irgendwelche Pixelfiguren bei “Call Of Duty”, nein: weil dort ein wichtiges Thema zur Farce verkommen ist, zum kurzen Schusswechsel zwischen Vorabendprogramm und “TV Total”, mundgerecht zerhackt durch Werbung für den schnellen DSL-Anschuss. Immerhin musste ich am Ende kurz auflachen, weil der Regisseur Wolfgang Panzer heißt. Aber wahrscheinlich nehme ich das alles viel zu ernst und verspreche zu versuchen, an dieser Stelle nichts zum bestimmt irgendwann folgenden SAT1-Remake von “Holocaust” oder der RTL-Fassung von “Im Westen nichts Neues” zu schreiben.

Korrektur

Juli 5th, 2008

Philosophie und Wissenschaft gewinnen an Erkenntnis durch stetige Revision ihrer Thesen. Ich erweitere somit nach einem Ausflug in die Hamburger Innenstadt Wilhelm von Humboldts am Mittwoch zitierten Aphorismus, der ab sofort lauten soll:

Im Grunde genommen sind es doch die Verbindungen zu Menschen, welche dem Leben seinen Wert geben – ausgenommen diese Menschen befinden sich gerade bunt verkleidet auf dem Weg zum Schlagermove.

Dieser Satz soll bitte schnellstmöglich in den Stand eines Dogmas erhoben werden. Danke.

Trauerspiel

Juni 28th, 2008

Es ist schlimm. Es ist jetzt schon so schlimm, dass ich mir gar nicht vorstellen mag, wie es endet. Dem Molotow auf der Reeperbahn steht vor dem Aus, einer meiner Lieblingsclubs, wie hier bereits mehrfach beschrieben. Was soll nun werden? Und wo führt das hin? Die “Tanzhalle”: weg. Das “Mojo”: weg vor gefühlt zehn Jahren, weil das Gebäude abgerissen werden sollte (und es steht immer noch). Was kommt als nächstes? Das “Knust”? Das “Nord”? Der “Grüne Jäger”? Die “Mutter”? Macht nur so weiter, aber erwartet keinen Applaus. Auch wenn wir dafür die Elbphilharmonie “bekommen” (gegen die ich eigentlich nichts habe) und das Marinemuseum (gegen das schon eher). Hamburg wird leiser und natürlich: sauberer. Denn das ist das Ziel. Niemand soll sich an etwas stören dürfen, kein Tourist und kein Geschäftsmann, der dann im Hotel am Wasserturm auf die “Szene” herabblickt und gar nicht ahnt, wie schön das Kino im Park einmal war. Schill war der Urknall, und jetzt scheint alles wie auf Schienen zu laufen. “Irgendwann sieht es auf der Reeperbahn aus wie an der Wandsbeker Chaussee”, sagt der Chef vom Molotow, ein grausiges Szenario. Blumiger schreibt es Ralf Köster in der Mopo:

Mein Hamburg hat sich augenscheinlich sehr verändert in den vergangenen Jahren, nur wie? Und wohin? … Die gesamte Hafenrandbebauung hat bei mir ein sentimental melancholisches Loch hinterlassen. Meine Welt sind die Ruinen, mir fehlen die dysfunktionalen Denkmäler einer Vergangenheit, für die es kaum noch Zeugen gibt. Bemerkenswerte Ausnahme ist der Park Fiction. Ein von Anwohnern selbst gestaltetes Kleinod mitten im touristisch flachgewichsten St. Pauli. Hier steht der „Golden Pudel Club“, von Rocko Schamoni und Dr. Pommes samt ihrer Gang mit der eigenen Hände Arbeit Stein auf Stein errichtet. Hier ist mein Arbeitsplatz, der schönste der Welt, mit Blick auf den Hafen, wo die großen Schiffe keinen Schlaf mehr finden, weil die Bassline der Globalisierung dunkel wummernd einen Takt vorgibt, der ohne Pausen, ohne Zäsuren, ohne Kontemplation auskommen muss. … Vom „Pudel“ zur Marktstraße, wo ich wohne, gelange ich über Schleichwege, die ich niemandem verrate, nicht einmal meiner Frau, obwohl sie den gleichen Arbeitsweg hat. Unterwegs freue ich mich über Graffiti und Interventionen, über die vielen kleinen Verschandelungstaten, die dem Lebensgefühl in Hamburg einen halbwegs urbanen Anstrich geben. … Der ungeplanten Kunst im öffentlichen Raum erweise ich meinen Respekt, hier ist die Stadt Spitze, auch im Unverständnis. In meinen Gedanken bin ich bei „OZ“, der alten Hütte.

Fassungslos

März 2nd, 2008

Kann sein, dass ich das nur zu selten mitbekomme. Weil es so etwas am Millerntor einfach nicht gibt. Da gibt es natürlich auch Leute, die Parolen rufen, “die nach Art oder Inhalt geeignet sind, Dritte aufgrund ihrer/ihres Hautfarbe, Religion, Geschlechts oder sexuellen Orientierung zu diffamieren”, wie es die Stadionordnung verbietet. Aber es sind einzelne, und wenn alles gut läuft, werden die auch ganz schnell still gemacht. Anders in Offenbach, wo gerade das Bundesliga-Spiel gegen den FC St. Pauli zu Ende gegangen ist. Ich habe das Spiel via Webradio gehört, und die “Judensau! Judensau!”-Rufe der Offenbacher waren laut und deutlich zu vernehmen. So etwas habe ich zum letzten Mal bei Eintracht Frankfurt gehört in den Neunzigern, was ein Grund war, weshalb ich nie wieder in ein Stadion gehen wollte. Es macht mich immer noch fassungslos: Was denken diese Leute außerhalb des Bieberer Bergs? Was für eine Atmosphäre muss in einem Stadion herrschen, dass diese Leute denken, so etwas laut und gruppenweise rufen zu können? Ihr seid so widerlich. Ihr seid so unbeschreiblich hohl.

Und noch ein Wort zum Sportlichen: Ich fühle mich seit dem Abpfiff so leer. Meine Zuversicht ist wie weggeschossen, der Ball geht in die Wolken, aber da ist kein Traum mehr. Nur noch Angst. Meine Laune ist auf Platz 12 und nur noch vier Punkte vom Abstiegsplatz entfernt. Ja, es lässt sich nicht ohne Pathos über Fußball schreiben. Und selbst das beschreibt nicht die raumgreifende Trauer in mir.

Volkssturm reloaded

Januar 10th, 2008

Falls Sie derzeit nichts vor haben oder nur Lust auf frische Luft unter (zumindest in Hamburg heute) blauem Himmel: Verteidigen Sie doch einfach mal Deutschland! Peter Gauweiler, MdB, würde sich darüber freuen, und Sie wären bei Ihrem neuen Hobby auch nicht allein. Denn “Deutschland wird in der Münchner U-Bahn verteidigt, am Bahnhof Zoo in Berlin und in der Frankfurter Innenstadt”, hat der CSU-Spitzenpolitiker beobachtet und der “BILD” gesteckt – und zu verteidigen gäbe es, sagt er, eine Menge, schließlich würde “zu wenig abgeschoben und zu viel undifferenziert hereingelassen. Jeder weiß das”. Es gibt also keine Ausrede mehr. Zu den Waffen, wo auch immer Sie das lesen! Am Fernbahnhof in Leipzig, im McDonald’s in Köln oder in Hamburg am Axel-Springer-Platz! Du Sturm brich los.