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Gartensterben

Oktober 18th, 2009

Es ist viel los in der Stadt. Viele Menschen entdecken gerade, dass sie sich nur bewegen müssen, um etwas zu bewegen. Sie beginnen miteinander zu reden und entdecken Gemeinsames – und oft erkennen sie dabei, dass sie nicht nur gemeinsam gegen etwas sind, sondern von ganzem Herzen für etwas: für ein Hamburg, in dem sie gerne leben möchten – und das sie so leben lässt, wie sie wollen. Das ist der Nenner, der zählt. Ob das neu belebte Gängeviertel, das bunte Frappant, das Gartenkunstnetz oder die bedrohte “Kogge” auch in dem neuen Hamburger Panini-Sammelalbum vorkommen? Vielleicht wäre das gar nicht so schlecht. Vielleicht würden die entscheidenden Behörden dann endlich erkennen, dass nicht nur etwas wert ist, was sich in Euro berechnen lässt. Dass eine “wachsende Stadt” auch wachsen lassen muss, was sich nicht beschneiden lassen will. Ich war heute draußen bei widerständigen Kleingärtnern. Die “Schreberspacken” kämpfen unter dem Motto “Apfelbaum braucht Wurzelraum” derzeit um den Erhalt ihrer Gärten. Um Wildwuchs, um Platz für Gemüse und Obst, um ein Stück eigene Natur, um ihren Lebens- und Erlebensraum neben der Autobahn. Wie gradlinig es schon ein paar Meter weiter aussieht, habe ich fotografiert.

Holmbrook 1
Holmbrook 2
Holmbrook 3
Holmbrook 4
Holmbrook 5

Strahlender Abgang

September 30th, 2009

In Deutschland wird es dunkel – und dann geht draußen gerade auch noch der Sommer vorbei. Bald wird es gefühlt nur noch zwei Stunden am Tag hell sein. Zeit also für ein Abschiedsbild, zum Immer-wieder-anschauen-und-erinnern, wenn der Nieselregen die Jacke durchnässt und sich der braune Schnee durch die Schuhsohlen frisst, wenn die Häuserwände wieder zu glänzen beginnen und die Hinterreifen der Fahrräder haftpflichtvergessen wegrutschen in den Kurven. Die Bäume werden ihre Farben wechseln, und die Bälle in den Stadien werden bald orange sein. Es wird enger werden in den Kneipen, weil niemand mehr davor sitzt, in der Innenstadt stechen sie sich bald wieder die Schirme in die Augen, und die Möwen werden klamm auf Packeis durch den Hafen schunkeln. So wird das sein, wenn der die große, nasse Koalition kommt, wenn Herbst und Winter den Vorsitz übernehmen. In den Einkaufswagen stapeln sich bereits die Marzipankartoffeln, der süße Trost der langen Monate. In vorauseilendem Gehorsam habe ich schon mal Ersatzbatterien für mein Rücklicht gekauft, im Schrank die Wärmflaschen gesucht (und gefunden), Bücher habe ich auch genug, und die Pflanzen auf meinem Balkon sind wetterfest. Also: Es kann losgehen.


Nummer 1 braucht einen Stein

September 20th, 2009

Neben meiner Wohnung befindet sich eine Schule, vor meiner Wohnung ein Spielplatz, und neben dem Spielplatz ein Altersheim. Diese Komposition mag ich: Die Schüler lärmen, spielen Fußball und freuen sich, wenn ich ihnen verschossene Bälle zurückkicke; die Alten rauchen und freuen sich, wenn ich ihnen manchmal Zigaretten vom Kiosk mitbringe. Soweit, so normal. Vergangener Mittwoch jedoch war kein normaler Tag. Ich glaube, es war Projektwoche (in der Schule), denn als ich aus meinem Schlafzimmerfenster geschaut habe, sah ich unten ein paar Kinder mit gelben Bauarbeiterhelmen auf, die mit ihrer Lehrerin gerade ein “Haus” mauerten. Soweit, so bestimmt pädagogisch empfehlenswert – Vorbereitung auf das Arbeitsleben und so, Teamwork, Handwerk und goldener Boden. Dass die Kinder da unten Sätze sagten wie “Nun mach schon, die Arbeit wartet nicht” und “Kollege kommt gleich”, hat mich zwar ein wenig verwundert, aber vielleicht, so dachte ich mir, haben sie das aufgeschnappt – zu Hause oder in “Einsatz in vier Wänden”. Doch dann bin ich erschrocken: Die Lehrerin (ohne Helm) hat die Kinder nämlich dazu gezwungen, sich mit Nummern anzureden. “Nummer 1, ich brauche noch einen Stein”, “Nummer 3, geht das nicht schneller?” Und da habe ich mich dann schon gefragt, welches erzieherische Ziel dahinter stecken mag, Kindern beizubringen, dass sie im Arbeitsleben nur noch eine Nummer sein werden. Den Kindern hat das natürlich Spaß gemacht (wie mir, wenn sich in “Reservoir Dogs” Mr. Orange mit Mr. White unterhält), für sie ist das alles ein Spiel. Für die Lehrerin übrigens nicht. Als eines der Kinder seinen Freund mit “Hannes” angeredet hat, wurde es von ihr so dermaßen angeschrien – “DU SOLLST KEINE NAMEN VERWENDEN, SONDERN SEINE NUMMER!” – dass es mich gegruselt hat. Ich habe dann das Schlafzimmerfenster wieder zu gemacht und bin in die Küche gegangen, abwaschen – erst Nummer 1, den tiefen Teller, und dann Nummer 2, die Tasse, bis zu Nummer 34, dem kleinen Löffel. Dann war ich auch damit fertig und konnte anfangen zu arbeiten.

9/13

September 13th, 2009

Die Kosten für den Einsatz + Schaden im Arbeitslager bearbeiten lassen, nix mit Wegsperren auf Staatskosten… Steinbruch ist die Lösung. Kesselt dieses Pack ein und treibt es in die Elbe. Und achtet darauf, dass keiner wieder ans Ufer kommt von diesem arbeits- und lichtscheuen Gesindel. Die Chaoten müssten nach Afghanistan geschickt werden. Dort könnten sie gegen die Taliban mal zeigen was sie so alles drauf haben. Markiert die Typen mit Farbe, so kann man sie nachher schneller finden. Knüppel raus und drauf, und meine Segen habt ihr, liebe Polizisten.

Soweit die Gewaltfantasien in den Köpfen der BILD-Zeitungsleser. Das ist nicht verwunderlich. Was ich gerne wissen würde: Was die Idioten sich denken, die gestern Nacht die Wache in der Lerchenstraße angegriffen und dann stundenlang durch das Viertel randaliert haben. Wie geil muss das gewesen sein, im Lichtkegel eines Hubschraubers auf Polizisten loszugehen bzw. davon zu rennen – irgendwie voll Hollywood, total Staatsfeind Nr. 1, krass ACAB und so; gibt bestimmt viel zu erzählen zu Hause in der Vorstadt. Ich verstehe ja deren Verzweiflung darüber, dass das Schanzenfest fast völlig friedlich verlaufen ist, dass Kissen und Federn flogen statt Steine, und dass Volleyball vor der Roten Flora gespielt wurde statt Paintball – nur: Niemand soll mir erzählen, dass das, was Mitternacht passiert ist, irgendetwas mit Politik zu tun hat oder mit den Problemen des Viertels oder der Stadt. “Die Polizei sprach von mehreren hundert gewaltbereiten Randalierern aus unterschiedlichen Lagern. Darunter waren auffallend viele Jugendliche und angetrunkene Festbesucher, die erkennbar nicht zum links-autonomen Spektrum zählten”, ist zu lesen, und das kann ich bestätigen: Je später es wurde, desto mehr Gruppen von Jungs mit dicker Hose haben sich unter das Fest gemischt, aggressiv gegen die Leute, die seit Stunden dort gefeiert haben und nur darauf aus, Stress zu machen. Es ist wohl nötig, dass die Menschen, die das Schanzenfest als politisches Fest verstehen, sich beim nächsten Mal Gedanken darüber machen, wie Gewalt der Gewalt willen zu vermeiden und zu ächten sein könnte. Wie das Fest verläuft, wenn die Polizei sich im Hintergrund hält, wissen wir nun – und diese Strategie der Polizei war so überraschend wie gut – jetzt wird es darum gehen, zu zeigen, dass das Schanzenfest sich selbst schützen kann vor Krawallmachern ohne Sinn, Verstand oder jeglicher politischer Motivation.

Nachtrag: Hier bei Indymedia gibt es zwei Kommentare – von “Anwohner” und “piper” – über die ich mich sehr gefreut habe. Ein Auszug: “Seit Jahren haben wir argumentiert, die Gewalt ginge vom Staat aus, die Polizei habe wegen Kleinigkeiten das Schanzenfest mit unverhältnismässigen Mitteln ‘angegriffen’. Anwohner und Lädenbesitzer haben sich solidarisiert, haben gemeinsam mit linken Strukturen das Fest durchgesetzt und öffentlich Druck gemacht, es in Ruhe zu lassen. Seit gestern ist das nicht mehr möglich.”



Besonders großartig gestern war die Kissenschlacht – eine nicht enden wollende Kissenschlacht: Mehr als eine halbe Stunde lang war der Platz vor der Flora in Federn gehüllt; es war, als würde es schneien im Spätsommer. So viel Lächeln habe ich selten bei so vielen Leuten gesehen. An verflaumten Haaren und Kaputzenpulis war noch lange Zeit später zu bestimmen, wer mittendrin gewesen war – der Punk, der Student, der Kameramann. Und das Schöne: Ich hatte das Gefühl, dass die meisten Kissenwerfer wussten, dass es dabei um mehr ging als nur um ein Event.



9/12

September 12th, 2009

9/12 ist da, der Samstag, auf den seit Wochen alles hinzuwarten scheint: Bewohner, heimische und zugereiste Autonome, BILD-Reporter und Polizisten aus dem ganzen Land feiern heute das Schanzenfest mit Flohmarkt, Musik, Feuer und Blaulicht. Ein traditionelles Stelldichein ist das, ein riesiges Räuber- und Gendarm-Spiel, bei dem sich alle freuen, dass so viele von den anderen da sein werden. Schon jetzt kreisen die Hubschrauber vor meinem Fenster, gerade geht sogar eine Sirene los. Gleich werde ich mal runter laufen in die Schanze und mich freuen, wie bunt alles ist und leicht und wie liebenswert. Doch irgendwann, das weiß ich auch, wird eine der beiden Seiten die Schnauze voll haben, dass so viele Menschen so viel Spaß haben, ohne dass das jemand genehmigt hat. Im Juli, beim Hinspiel, war das die Polizei; mal sehen, wer dieses Mal keine Lust mehr hat zu warten – Schwarz oder Grün. Wie ich höre, ist für 21:30 Uhr eine Kissenschlacht geplant vor der Roten Flora, und danach wird der Stadtteil wohl wieder Federn lassen. Ich werde da sein, weil es gut ist, da zu sein. Und ich werde gehen, wenn das Ganze nicht mehr mein Spiel sein wird. Erfahrungsgemäß sitze ich spätestens um Mitternacht auf meinem Sofa und schüttle den Kopf über das bestellte Haschmich da draußen – und dann werde ich mich lächelnd erinnern, wie der Tag angefangen hat: mit einem Fest, das sein muss, weil so vieles nicht sein muss.




Selbstgänger

September 4th, 2009

Das Hamburger Gängeviertel ist einer der ältesten noch erhaltenen Häuserkomplexe der Stadt. Und es steht ihm ein Teilabriss bevor. Vor zwei Wochen haben mehrere hundert Künstler und Künstlerinnen die Häuser besetzt und fordern unter anderem deren Erhalt. Noch sind sie nicht von der Polizei geräumt worden – im Gegenteil: Die Stadt will die neuen Bewohner “bis auf weiteres tolerieren”. Wer in Hamburg wohnt oder die Tage in der Stadt ist, sollte also das kreativ belebte Viertel unbedingt besuchen und mit eigenen Augen sehen, was dort in kürzester Zeit entstanden ist – unter anderem eine fulminante Open-Air-Galerie mit Werken von Hamburger Street Artisten. Also: hingehen! Denn deren Werke sind – gerade bei diesem Wetter – überaus vergänglich.






Cambridge, MA (2)

September 3rd, 2009

Jetzt bin ich schon eine Woche wieder hier, höchste Zeit also für ein paar letzte Eindrücke aus Cambridge. Hier regnet es gerade, und wahrscheinlich ist es auch an der Ostküste der USA kühler geworden, dennoch wird mir die Stadt immer als heiß und ein wenig feucht in Erinnerung bleiben – so wie viele Touristen Hamburg als regnerischen, grauen Ort beschreiben werden. Cambridge wird für mich außerdem immer die Stadt bleiben, in der mich ein Feuerwehrmann gefragt hat, ob ich mich nicht einmal in seinen roten Wagen setzen mag (nun gut, vielleicht habe ich ihn zuvor auch etwas zu lang angestarrt, als dass er mich einfach so hätte weiter laufen lassen können); er hat mir sogar den Funk und die Martinshörner angemacht – nur fahren durfte ich leider nicht. Ich könnte jetzt also “ein Mal in einem amerikanischen Feuerwehrwagen sitzen” von meiner Was-ich-unbedingt-machen-will-Liste streichen, würde ich eine solche Liste führen. Desweiteren könnte ich nun “aus Trotz nicht zu Starbucks gehen” und “mich wieder einmal im Supermarkt fühlen, als käme ich vom Dorf” abhaken. “Im Paradies zu Lebzeiten ein Bier trinken” habe ich leider nicht geschafft, obwohl es geöffnet war. Und das ist im nachhinein schade, wie ich finde.



Das Spannende und natürlich auch etwas Bedenkliche an den Vereinigten Staaten ist, dass man auf Schritt und Tritt gezeigt bekommt, wo man sich befindet. An die Vielzahl der USA-Fahnen kann ich mich auch nach dem x-ten Besuch nicht gewöhnen. Für die Amerikaner ist das natürlich normal, weswegen sie stets ein wenig verwundert schauen, wenn man ein Foto davon macht. Diese Flagge hängt am Flughafen von Boston. Der ist zwar nicht besonders groß, dafür hat sich der Architekt große Mühe gegeben, ein Gebäude voller strenger Formen und Linien zu erschaffen; die Besucher sollen gar nicht erst auf die Idee kommen, es könnte sich dabei um einen Ort zum Verweilen handeln. Nein, das hier ist ein An- und Abort, ein Filter zwischen der Welt da draußen und den USA. Wahrscheinlich reinigen sich die Wände nach Betriebsschluss sogar selbst.


Cambridge, MA (1)

August 25th, 2009

Ich scheine derzeit hier nur etwas schreiben zu können, wenn ich im Ausland bin. Und ich kann nicht genau sagen, woran das liegen mag. Vielleicht frisst mich zu Hause mein Alltag zu sehr auf, vielleicht brauche ich aber auch den Abstand und die tiefen Teppiche der Hotels. Vielleicht kann ich auf Holzdielen nicht bloggen. Oder es fällt mir in Hotels leichter. Ich mag nämlich Hotels. Wo sonst ist morgens wieder alles am Platz, wo auch immer ich es hin geräumt habe? Wo sonst kann ich mich am Morgen wecken lassen und sicher sein, dass ich die mich weckende Person nicht um den Schlaf gebracht habe? Wo sonst läuft im Fernseher nicht Markus Lanz, sondern “Dating in the Dark” – und das auch noch in HD. Mein Hotel liegt übrigens zehn Fußminuten vom MIT entfernt, und das ist auch das einzige, das ich mir bislang angesehen habe. Oder zumindest einen kleinen Teil davon. Denn das MIT ist eine Kleinstadt (neben der Großstadt Harvard) – und selbst in den Gebäuden kann man sich sehr leicht verlaufen. Als würden die Institute selbst ihre Studenten auswählen: Wer sich zurecht findet, kann so falsch hier nicht sein. Was mich gefreut hat: Das MIT ist genau so nerdig, wie ich es mir vorgestellt habe. Überall kleben bunte Einladungen zu Science-Fiction-Fangruppen, an den Schwarzen Brettern hängen gute und schlechte Nerdwitze, und im Kino läuft der neue “Star Trek”. Genau so muss es auch sein. In welchem Umfeld könnte man sonst Wecker erfinden, die weglaufen, nachdem sie geklingelt haben? Wie mein Taxifahrer auf dem Weg vom Flughafen zum Hotel so schön gesagt hat: “They have smart people there. And crazy ones. Smart and crazy ones, too. These are the ones that may become famous.”






Es brennt!

Juli 21st, 2009

Heute ist der Tag, an dem der neue Adidas-Franchise-Store am Schulterblatt eröffnet, genauer gesagt am Schulterblatt 11 – dort, wo ich meine schöne, rote Umhängetasche gekauft habe. Wo es einen Laden gab, in dem sich weißhaarige Frauen und Männer ganz viel Zeit genommen haben, bis ich die richtige Tasche hatte. Und erst zufrieden waren, als ich es war. Den Laden gab es ewig, nun gibt es ihn nicht mehr. Genau so wie den alten Friseurladen und 1000 Töpfe und meinen alten Bäcker. Nun ist natürlich nicht alles Neue schlecht, nur weil es neu ist – aber es stirbt jedes Mal ein Stück Einzigartigkeit (und genau die soll es doch sein, wegen der dieses Viertel so beliebt ist). Wer weiß: Vielleicht folgen bald H&M und Zara und Starbucks und Burger King und Subway und Nike, und dann zieht ein Mediamarkt in die Flora und im Centro Soziale eröffnet ein Schweinske – und dann ist endlich alles gut und entstört. Dann sieht es hier aus wie überall: Das Viertel ist geldverkehrsberuhigt, auf den Bürgersteigen stehen sich die Wachleute der Geschäfte die Füße platt, und wer hier dann nicht ins Bild passt, der bekommt auf’s Maul, und Nachts ziehen sich dann Agentur-Praktikanten schwarze Kaputzen ins Gesicht und sprühen flotte Guerilla-Marketing-Sprüche an die Wände, weil ihre flotten Kunden auf so was stehen, auf so was Subversives und Alternatives, auf so was mit Ironie und Augenzwinkern. Ja, das ist Galgenhumor. Und es muss ja auch alles nicht so kommen. Heute Abend läuft am Millerntor übrigens der Film Empire St. Pauli, eine Dokumentation über die Umstrukturierungen im Stadtteil. Danach wird es eine Demo geben.



Wer lebt, stört

Juli 11th, 2009

Ich wollte hier schon lange etwas schreiben zum Schanzenfest und über den Angriff auf das Jolly Roger: zu Wasserwerfern, die ohne Vorwarnung in ein friedliches Fest hinein brettern und auf Feiernde drauf halten, zu Polizisten, die Reizgas in geschlossene Räume sprühen und einem St. Paulianer mit dem Gummiknüppel die Zähne ausschlagen – und zu all dem, das hier im Stadtteil passiert an Vertreibungen und Videoüberwachung und uniformierter Präsenz. Ich wollte schreiben über die Kriminalisierung jeglichen Widerstands und darüber, wie ein mir liebes Viertel gerade mit Geld und Gewalt auf Massenkonsum getrimmt und damit zu Brachland wird. Und gerade, als ich loslegen wollte, flattert der neue Newsletter des “Übel & Gefährlich” in meine Mailbox. Und, Mensch!, da steht doch alles – und besser hätte ich es nicht schreiben können:

Bevor hier das letzte alte Haus abgerissen oder marmorsaniert ist, bevor das letzte Kino geschlossen, der letzte Buchladen rausgeekelt, die letzte Oma aus ihrer Wohnung ins Heim genötigt wurde und die ganzen kaufschwachen Studenten nach Wilhelmsburg umgesiedelt sind, am besten gleich mit der kompletten gottverdammten Uni, weil aus der alten kann man bestimmt ein tolles Einkaufsquartier machen – bevor Sie, werte Leser, hier also alle nicht mehr wohnen und leben können und wollen und nur noch Zaungäste sind, damit die Firma Stadt ihr Säckel schön voll machen kann, um zum Beispiel die ein oder andere Landesbank vor der eigenen Dummgier zu retten oder verlustbringend Krankenhäuser zu privatisieren; bevor hier also alles aus Geldgeilheit und Gleichmachungswahn vernichtet ist und kaltgestellt und verödet, bevor hier überhaupt einfach nichts mehr ist, was das Leben lebenswert macht, und alle, die dagegen sind oder im Weg stehen, ihre Schneidezähne aus Schlagstöcken klauben müssen, aber kein Geld haben, sich neue zu kaufen; bevor wir also endlich alle zu Tode gefilmt, geregelt, geklagt und verarmt wurden, und unsere Überreste sich am Stadtrand türmen, auf dass wir dort die Viertel beleben für H&M in zehn Jahren, für den ewig wuchernden Kreis der Krake Kapital; bevor also nur noch Musicalbesucher, Messefressen und eigentumsgeile Polizeigewaltbeführworter durch jene Straßen flanieren, wegen deren Andersartigkeit und Lebendigkeit wir dereinst nach Hamburg gezogen sind; bevor es also verdammt noch mal soweit ist, bitten wir inständig um zivilen Ungehorsam und kluge Reaktion gegen Mauerbauer, Rausklager, Draufhauer und Ausbeuter. Sonst singen wir bald alle brav im Chor: „Aber hier leben, nein Danke.“ Und sind raus.

An dieser Stelle noch vielen Dank an alle, die gestern auf der Demonstration gegen Polizeigewalt waren. Ich muss danken, obwohl es mir eigentlich nicht zusteht, schließlich habe ich nichts organisiert oder geregelt, ich war einfach auch nur da. Es ist ein Dank an alle, die auch einfach nur da waren. Danke an die tausenden Anhänger des FC St. Pauli, die friedlich blieben trotz der Wasserwerfer und Räumpanzer. Danke für die Musik aus dem Lautsprecherwagen. Danke an den Verein für die Unterstützung. Danke auch an die besonnenen Polizisten und Ordner. Danke an alle, die in der Demo den nicht so Besonnenen die Astra-Flaschen abgenommen haben und Situationen entschärft haben, in denen das Ganze hätte schief gehen können. Und vielen Dank an die HSV-Fans, die ich gesehen habe. Auf so eine Demo zu gehen, mittenrein zwischen tausende St. Paulianer – der Sache wegen und gemeinsam auf der Straße dieser Sache wegen: Das hat mich noch glücklicher gemacht als ich eh schon war angesichts dieser Masse an Menschen, die in so kurzer Zeit zu mobilisieren waren. Danke für all die Solidarität und den Zusammenhalt.

Zu Hause

Juni 18th, 2009

Sechs Uhr drei Minuten und keine Sekunde geschlafen. Das ist der Preis, und ich finde ihn nicht zu hoch. Immerhin hat es auch sein Gutes, unfreiwillig wach und nicht außer Haus gewesen zu sein. Es ist schön, zu beobachten, wie die Sonne aufgeht, ich habe lange nicht mehr den ersten Vogel gehört – und niemand ruft an, während mein Telefon sein neues Software-Update aus dem Netz lädt. Und außerdem unterscheidet sich mein Zustand nicht von dem des gestrigen Tages. Es ist eine Art Zwischenzeitzone, in die ich geraten bin: Mein Körper ist hier, aber der Rest noch auf dem Weg. Ich bin gespannt, wie lange diese Phase dieses Mal dauert – erfahrungsgemäß sollte ich in einer Woche damit durch sein. Bis dahin fühlt es sich in meinem Kopf so an wie auf dem ersten Bild, und die Welt erscheint mir oft so grell bunt wie auf dem zweiten. Das ist übrigens der Blumenstrauß, der mich zu Hause begrüßt hat und an dem ich mich kaum satt sehen kann. So, und jetzt freue ich mich auf mein Frühstück heute mittag: auf echte, knusprige Brötchen!


Chicago

Juni 16th, 2009

Ich bin wieder in meinem schönen Hamburg gelandet – nach insgesamt 32.451 Kilometern Reise (sagt Wolfram Alpha). Ich habe Hunger, Durst und leider nichts im Kühlschrank. Zum Glück bin ich immer noch angefüllt mit Chicago, das sich uns von seiner besten Seite gezeigt hat: mit Blues und Sonne, kaum Wind und lauter netten Menschen. In dieser Stadt wäre ich gerne noch einige Tage länger geblieben, wäre dort noch weiter mit dem Fahrrad gefahren, hätte noch weitere Filme in 3D gesehen, hätte die Häuser bewundert und Museen besucht. Aber mehr ging nicht. Das ist schade – aber auch schön, habe ich doch nun eine weitere Stadt auf meiner Liste der Orte, die ich noch einmal gerne besuchen würde. Neben Shanghai natürlich. Jetzt erst einmal: ankommen, mich wieder einfühlen, zur Ruhe kommen. Und ganz ausgiebig ganz viele profane Dinge tun.






USA (2)

Juni 14th, 2009

Heute nicht viele Worte. Bin gerade in Chicago angekommen, der letzen Station meiner Reise. Über mir: Flugzeuge im Landeanflug, neben mir: Autos, in mir: Mattigkeit. Zweiteres ist also wie immer, die Flieger und die Müdigkeit sind neu. Zeit, zurückzukehren in mein schönes Hamburg und zu meinen Freunden. Es soll dort sogar gutes Wetter sein, und bei Sonnenschein ist Hamburg ja unschlagbar. Das ist also mutmaßlich mein letzter Eintrag aus den USA (außer ich finde morgen noch Lust, Zeit und Netz) – und den widme ich einigen Gebäuden und Straßen. Dem „Interlocken Loop“ auf dem Weg nach Boulder wegen seines tollen Namens, dem Bahnhof in Denver wegen seiner ernsthaften Bitte um Ruhe, dem Obama-/Lincoln-Gebäude gegenüber unserer dortigen Autovermietung wegen seiner bloßen Existenz – und der Columbine Highschool in Littleton, weil sie mir seitdem die Frage stellt, warum ich da unbedingt hin wollte. Weil ich noch nie in der Nähe war, klar – aber das wäre zu einfach. Das war der Auslöser, aber nicht der Grund. Wahr ist: Ich weiß es nicht. Und wahr ist auch: Ich habe mich unwohl gefühlt an diesem Ort, weil ich mir nicht nur vorkam wie ein Voyeur, sondern unbestreitbar einer war. Einer, der an Tatorte von Verbrechen reist, des Grusels wegen. Und, ja, es war gruselig. Aber noch irritierender als der Ort an sich war der Umstand, dort zu sein – an einem Platz zu stehen, den ich bislang nur aus dem Fernsehen kannte. Und zwar nur aus den Aufnahmen vom April 1999, nicht zuvor und kaum danach. Ich kenne dieses Gefühl – zuletzt vom Platz des Himmlischen Friedens in Peking – aber in Littleton habe ich die schrecklichen Fernsehbilder und den echten Ort nicht in Deckung bekommen. Ich weiß nicht, was ich erwartet habe – aber es erschien mir, als würde sich die Schule gegen mich wehren. Wir sind dann auch recht schnell wieder gefahren. Ich habe mich pietätlos gefühlt. Aber immerhin durfte ich etwas mitnehmen aus Littleton: Die Aufgabe, die Frage zu beantworten, was mich dahin gezogen hat – und die Erkenntnis, dass ich nicht überall gewesen sein muss.




Denver

Juni 12th, 2009

Draußen vor meinem Hotelfenster hagelt und gewittert es. Sogar die parkenden Autos schlagen Alarm, und ich fürchte etwas, dass es der Bote von “Papa Nick’s Pizzeria” nicht bis hier draußen schafft – an diesen Ort, der zwar noch Downtown sein soll, sich aber anfühlt wie ein Truckstop im Nirgendwo. Willkommen also im “Best Inn”, Denver, Colorado, dem billigsten Hotel, das wir finden konnten. Immerhin gibt es “Mountain Dew” (oder, wie es, weil ja in den USA alles abgkrzt werden muss, hier heißt: “Mtn Dew”) im Automaten, das Zimmer ist nett und hat sogar eine eingebaute Küche. Das ist auch nötiger denn je, denn alle Fast-Food-Restaurants, die es hier in der Nähe gab, sind um Weihnachten herum zusammen gestürzt. Mal sehen, wie Denver sich morgen zeigt, wenn mutmaßlich die Sonne scheinen wird. Denn eigentlich ist die Stadt auf den ersten Blick (und sonst hatten wir noch keinen) ganz hübsch. Am Bahnhof fuhr sogar eine Pferdekutsche, und wir haben das Stadion gesehen, in dem Barack Obama zum Präsidentschaftskandidaten ausgerufen wurde. Der Weg von Glenwood Springs nach Denver ist nebenbei einer der schönsten, den ich in den USA je gesehen habe – immer am Colorado River lang, durch Canyons und an Pferden und Rindern vorbei. Ein Anblick für Patrioten. Ich gehe jetzt schlafen. Neben mir auf dem Nachttisch liegt eine Packung Streichhölzer, auf der die amerikanische Flagge abgebildet ist, darüber steht “Freedom Lights the Way”. Gute Nacht, Denver. In der Kapelle auf dem LKW-Parkplatz brennt noch Licht.





USA (1)

Juni 11th, 2009

Gegenüber im “Tequila’s” (Family Mexican Restaurant, “now open”) tönt mexikanische Musik vom Band, und zwar so ausdauernd, dass ich mich an die Fernsehübertragung der WM 1986 erinnert fühle. Auf der anderen Straßenseite liegt “Rosi’s Little Bavarian Restaurant”, welches von einem Ungarn geführt wird. Heute Abend gehe ich in die “Glenwood Canyon Brewing Co”, wo es lokales Bier gibt, das im vergangenen Jahr den dritten Platz der Bier-WM gewonnen hat. Ich bin also immer noch in Glenwood Springs – und heute gibt es an dieser Stelle mal keine Landschaften, sondern Liegengebliebenes und im vorbeigehen Aufgesammeltes: einen schattigen Plastikstuhl zum Beispiel (den ich von hier aus sogar sehen kann) und ein frisch gefallenes Ahornblatt auf einem Blindenanzeiger (überall hier – und auch in Japan – gibt es diese Noppen auf der Straße, die Blinden den Weg zeigen und sie vor Treppen oder Straßen warnen. Inzwischen frage ich mich immer mehr, warum so etwas ungemein Praktisches nicht in Deutschland existiert). Außerdem: das Hauptquartier eines Genlabors am Hafen von San Francisco und das Bild einer “Bitte nicht parken”-Garage – und zum Schluss ein Foto aus der Reihe “Was vom Menschen übrigbleibt”. Ein Haarband, ein verrosteter Kleiderbügel und ein Barcode, weggeworfen und fotografiert auf einem öffentlichen Parkplatz in Emeryville. Fehlt nur noch ein geplatztes Kondom, und das Bild wäre perfekt: geboren sein, dann immer wieder eingescannt werden, ein paar Jahrzehnte möglichst viel verbrauchen – dann langsam Rost ansetzen und vergehen. Das klingt depressiv? So ist das nicht gemeint. Es ist nur eine Interpretation von vielen. Vielleicht hat sich hier auch ein Pärchen kennengelernt vor langer Zeit, sie hat ihr Haar geöffnet, er hat flugs sein Sakko vom Kleiderbügel gefischt – und dann haben sie einen Mietwagen aufgebrochen in einer sternenklaren Nacht und sind davon gerast ins Glück. Und dabei ist der Barcode abgefallen – und niemand hat das Paar je gefunden, die Autovermietung nicht und die Polizei auch nicht, obwohl in jedem Staat ihr Bild hing von Oregon bis Florida. Das Auto von dem Parkplatz haben sie immer noch. Und sie hat ihre Haare nie wieder zum Zopf gebunden. Und in diesem Moment liegt ihr Kopf auf seinen Schultern, und er hat nur ein T-Shirt an, weil es in der Sonne so heiß ist, und als sie gleichzeitig zu einem Cocktail greifen, der neben ihnen steht, müssen die beiden lachen. Klingt kitschig? Ich weiß.