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Shanghai (6)

Juni 1st, 2009

Das hier schreibe ich im Flugzeug. Und ich vermisse Shanghai schon jetzt. Ich denke, der Funke zwischen mir und der Stadt ist spätestens in dem Moment übergesprungen, als wir nach dem Flug aus Peking in ein Taxi gestiegen sind, gefragt haben, ob wir rauchen dürfen, der Fahrer nur lachte, „raucht, raucht, raucht!“ rief und der nächtliche Fahrtwind buntbeleuchtete Hochhäuser an uns vorbei wehte, ich ihm eine Zigarette gab und er auch rauchte und wir ihm erzählt haben, wie doof seine Kollegen in Peking sind. Und unten auf der kleinen Straße im Nudelladen saßen später blonde Mädchen mit schwarz-rot-goldenen Trikots und lachten mit Chinesen um die Wette. Die hatten an diesem Abend 1:1 gegen Deutschland im Fußball gewonnen, was sie jedoch nicht daran hinderte, weiter über ihre Mannschaft zu schimpfen. Tja. Und jetzt sitze ich leider im Flugzeug, in dem die Stewardessen von China Eastern bereits mehrfach sehr beeindruckend gezeigt haben, dass Chinesen auch schlechtes Essen servieren können. Noch eineinhalb Stunden bis LA.

Und: angekommen. Ein seltsames Gefühl. Und die Erkenntnis, dass der Schock, nach Los Angeles zu kommen, von Shanghai aus noch größer ist als aus Hamburg. Da nutzt es auch nichts, dass ich in Little Tokyo wohne. Diese Stadt ist nicht die meine, das war sie nie, und das wird sie niemals sein. Deswegen zum Abschied von der “Stadt über dem Wasser” noch ein paar Fotos: von einer jesuitischen Kirche mitten im Elektronikviertel, ein Bauarbeiter, beschirmt von Mc Donald’s, ein chinesischer Schriftsteller, ein Bild meines Lieblings-Restaurants, eine professionelle Fotosession in der Verbotenen Stadt – und zwei Fotos noch aus Peking, einmal die dortigen Telefonzellen und eines der Gefährte, die dort in Massen herum fahren, und von denen ich so gerne eines hätte.







Shanghai (5)

Mai 27th, 2009

Man kann nicht sagen, dass Shanghai eine saubere Stadt ist. Überall liegen Zigarettenkippen, Pappkisten, Plastikverpackungen und sonstiger Müll, über der Stadt hängt oft – so wie gestern – ein diesiger Smog. Äußerst sauber sind jedoch meist die Fassaden der Häuser, so abgewohnt sie auch sein mögen. Denn Graffiti gibt es hier nicht, und wenn, dann sind es ein paar verhuschte Kritzeleien. Nur die eine Wand, die hinein ins abgeschlossene Künstlerquartier führt, die ist bunt bemalt. Nicht besonders fachmännisch – das können meine Garagenkünstler in Altona besser – aber immerhin ist es dort geduldet. Oder vielleicht sogar erwünscht, denn es entsteht schnell der Eindruck, dass dort, sagen wir, manche Tags lieber gesehen sind als andere. Mal sehen, wie das in Peking sein wird. In ein paar Stunden fährt der Nachtzug. Und davor hole ich noch meine Hemden aus einer chinesischen Wäscherei – was mich besonders freut, habe ich doch als Kind immer sehr gerne Lucky Luke gelesen (und später natürlich “Deadwood” gesehen).






Shanghai (4)

Mai 26th, 2009

Heute: Sightseeing. Erst mit dem Schiff über den Huangpu, dann hinüber nach Pudong, dem Hochhausquartier Shanghais. Vom Wasser aus wirkt der östliche Teil der Stadt, als wären dort gerade mehrere Alienvölker gelandet und hätten über Nacht ihre Hauptquartiere errichtet, jedes gemäß der Architektur ihrer Heimat: mal wie eine Rakete geformt, mal wie ein Goldbarren, dann wieder wie ein riesiger Flaschenöffner. Alles zusammen wirkt bunt und unwirklich, von weitem noch mehr, als wenn man zwischen den Gebäuden umher wuselt. Der riesige Flaschenöffner ist das „World Financial Center“ – und eines der höchsten Gebäude der Welt. Und im oberen Bereich des Öffners gibt es auf 474 Metern eine Ebene für Besucher, von der aus wirklich alles winzig wirkt, selbst der nur wenige Meter niedrigere Jin Mao-Tower. Das Center hat eine Schönheit, die sich mir erst beim x-ten Blick erschlossen hat, nach vielen verschiedenen Perspektiven. Er ist nicht auf Anhieb schön wie das Chrysler Building in New York – er erhält seine Spannung erst, wenn man sich an bereits ihn gewöhnt hat und sich dennoch immer wieder wundern muss über die glänzende Schärfe seiner Linien und darüber, das diesem riesigen Turm jegliche Wucht fehlt. Das Center scheint nicht von dieser Welt zu seinen, es ist zu perfekt wie ein Computermodell. Und noch dazu leuchtet es, und in der Nacht glitzert seine Spitze. Eine gute Einstimmung auf Pudong ist übrigens der “Bund Experience Tunnel”. Das ist eine kleine Kabinenbahn, die langsam unter dem Fluss hindurch fährt und sehr erfolgreich Trash mit Drogenfantasien verbindet. Überall blinken bunte Lichter, und Stimmen tönen durch versteckte Lautsprecher. Shanghai wirkt an Orten wie diesen, als sei es sich sehr sicher, wie seine Zukunft aussehen soll: mächtig, schillernd und vor allem extraordinär. Dennoch ist es eine geteilte Stadt, getrennt durch den Fluss in Groß und Klein, und das nicht nur bezogen auf die Zahl der Stockwerke. Dass der Huangpu eine solche Macht über die Stadt hat, zeigt schon ihr Name – Shàng hǎi: Stadt über dem Wasser.








Das letzte Bild stammt aus dem Park Hyatt Hotel im neben dem “World Financial Center” gelegenen Jin Mao-Tower, es ist der Blick aus einem der oberen Stockwerke auf alle Etagen hinunter bis auf die Bar. In der halbdurchsichtigen Röhre in der Mitte fahren Aufzüge.

Shanghai (3)

Mai 25th, 2009

Einer meiner Ausflüge hat mich zum „People’s Square“ geführt, einem großen Platz in Shanghai. Durchzogen von Museen und der City Hall, liegt an seinem nördlichen Ende ein sehr schöner Park – und in diesem Park leben ganz viele weiße Tauben. Oder falls sie dort nicht leben sollten: Der Park ist zumindest ihr Restaurant. Dort lassen sie sich von den Menschen bedienen, vorzugsweise von kleinen chinesischen Mädchen, die von ihren Müttern zum Füttern geschickt werden. Und zwar auch gegen ihren Willen. Den Tauben ist das recht, und oft sind sie am Nachmittag bereits so satt, dass sie an den fütterungsbereiten Menschen einfach vorbei stolzieren, was weder die Mädchen zufrieden stellt noch ihre Mütter glücklich macht. Dann sind sie ein wenig angefressen, was ich verstehe. Was ich nicht ahnen konnte: das einige Chinesen sich nach den Tauben als nächstes einen Deutschen als Zeitvertreib aussuchen würden. Mich. „Du hast aber schöne blaue Augen“, sagt eine Chinesin, „wo kommst du her?“, fragt mich ein anderer. Und schon bin ich von Chinesen umrahmt, gebe Komplimente zurück, bestätige, dass BMW und Mercedes auch von vielen Deutschen gefahren werden, gebe zu Protokoll, dass ich Ballack kenne und lasse mich schließlich zu einer für örtliche Verhältnisse sündhaft teuren Teezeremonie überreden (während der ich viel über die Geschichte Chinas erfahre, so dass ich mir auch danach nicht ausgenommen vorkomme, obwohl ich das natürlich wurde). Während meiner wenigen Tage hier haben sich nicht wenige Chinesen sogar mit mir fotografieren lassen, erst zaghaft, dann den Arm um meine Hüfte gelegt. Das passiert oft. Nicht öfter, als ich als Ausländer schräg oder abschätzig angeschaut werde – und keinesfalls öfter, als mir gefälschte Uhren oder Sonnenbrillen angeboten werden. Immerhin habe ich dabei ein wenig mehr Chinesisch gelernt: “Bú yào” – ich will nichts.






Shanghai (2)

Mai 23rd, 2009

“Danke, lieber Herr Taxifahrer, dass ich diese Fahrt überlebt habe“: Wüsste ich, wie man das auf Chinesisch formuliert, es wäre der meistgesagte Satz des heutigen Tages. „Danke auch, dass Sie die Fußgänger auf den Zebrastreifen zumindest knapp verfehlt haben. Und danke, dass Sie im letzten Moment einsehen konnten, dass der Bus neben uns stärker ist als wir, egal wie sehr Sie auch hupen. Danke, dass Sie mich gelehrt haben, dass man auch mit 70 km/h durch dichten Berufsverkehr rasen kann, und xie xie, dass Sie mir dabei dennoch – wie auch immer – stets das Gefühl gegeben haben, Sie hätten alles unter Kontrolle.“ Nach mehreren dieser Fahrten weiß ich auch ein wenig mehr darüber, warum die Autofahrer in Shanghai immer hupen müssen: a) weil sie es halt können (Gelegenheit), und b), das Motiv: weil sie im Laufe der Jahrzehnte eine eigene Hup-Lautsprache entwickelt haben mit einer Vielzahl an Ausdrucksmöglichkeiten. Hupt ein Fahrer, kann das heißen: „Lass mich gefälligst vorbei“, „ich lass dich rein“,„fahr schon!“ (im Stau, wenn das vorne stehende Auto überhaupt nicht fahren kann), „los jetzt!“ (wenn die Ampel am Horizont gerade auf Grün gesprungen ist), „ich komme viel zu schnell von hinten, pass auf“ oder auch nur „ich fahre gerade Auto“ (dazu muss kein anderes Auto in der Nähe sein). Und weil alle immer hupen (auch die Mofafahrer), ergibt die Gesamtzahl der Töne eine moderne Navigationsmethode, die der von Fledermäusen nicht unähnlich ist: Ich bin sicher, dass sich auch mein Taxifahrer am Schall der zurückgeworfenen Huplaute orientiert. Wohl auch deswegen habe ich hier noch nie einen Unfall gesehen. Ich wünschte, ich wäre mir ebenso sicher, dass ich als Fußgänger überleben werde. Immerhin habe ich mir schon jetzt den Gedanken „… der wird doch nicht…“ abgewöhnt, wenn ich über einen Zebrastreifen gehe und ein Auto auf mich zurast – denn: der wird.





Shanghai (1)

Mai 21st, 2009

China, Shanghai: der größte Beweis, dass Liebe durch den Magen geht. Wer noch nie hier war (wie ich bis vorgestern), wird es vielleicht seltsam finden, dass ich zum ersten Mal in einem Land bin – und das erste, das ich erwähne nach einem Tag, ist das Essen. Dieses warme, rauchende, nach Koriander duftende Essen. Das wundervolle Essen inmitten von rauchenden Chinesen und einer Kellnerin, die sehr charmant und laut lacht, wenn mir mein Lammfleisch zum dritten Mal vom Stäbchen schnippt. Laut und charmant lachen, das können Chinesen sehr gut – manchmal auch nur laut, dann aber auch leise und charmant – und sie freuen sich, wenn ich meine drei Brocken Chinesisch hervor krame, mein Hallo, Danke und Prost. Ich hoffe, ich lerne noch mehr: warum immer wieder „Pour Elise“ aus dem Nachbarhaus zu hören ist, zum Beispiel. Warum Autos an grünen Fußgängerampeln nicht halten und wann shanghainesische Autofahrer einmal nicht hupen. Und „Auf Wiedersehen“ auf Chinesisch, das kann ich auch bald. Was ich an nur einem Tag lernen konnte: dass Shanghai anders ist, als ich es mir vorgestellt habe. Und dass ich für alle (mir bekannten) chinesischen Restaurants in Deutschland schon jetzt völlig verdorben bin.



Das ist auch Shanghai – so wie ich es mir vorgestellt habe. Und auch das ist faszinierend. Und in einer Sache Tokio ähnlich: Die Wolkenkratzer sind nur das, was oben raus steht. Und sie sind nicht das Leben. Sie kratzen nur am Himmel und an der Oberfläche. Shanghai scheint eher dort zu finden zu sein, wo kleine Häuser stehen. Aber was maße ich mir an – nach eineinhalb Tagen.