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USA (1)

Juni 11th, 2009

Gegenüber im “Tequila’s” (Family Mexican Restaurant, “now open”) tönt mexikanische Musik vom Band, und zwar so ausdauernd, dass ich mich an die Fernsehübertragung der WM 1986 erinnert fühle. Auf der anderen Straßenseite liegt “Rosi’s Little Bavarian Restaurant”, welches von einem Ungarn geführt wird. Heute Abend gehe ich in die “Glenwood Canyon Brewing Co”, wo es lokales Bier gibt, das im vergangenen Jahr den dritten Platz der Bier-WM gewonnen hat. Ich bin also immer noch in Glenwood Springs – und heute gibt es an dieser Stelle mal keine Landschaften, sondern Liegengebliebenes und im vorbeigehen Aufgesammeltes: einen schattigen Plastikstuhl zum Beispiel (den ich von hier aus sogar sehen kann) und ein frisch gefallenes Ahornblatt auf einem Blindenanzeiger (überall hier – und auch in Japan – gibt es diese Noppen auf der Straße, die Blinden den Weg zeigen und sie vor Treppen oder Straßen warnen. Inzwischen frage ich mich immer mehr, warum so etwas ungemein Praktisches nicht in Deutschland existiert). Außerdem: das Hauptquartier eines Genlabors am Hafen von San Francisco und das Bild einer “Bitte nicht parken”-Garage – und zum Schluss ein Foto aus der Reihe “Was vom Menschen übrigbleibt”. Ein Haarband, ein verrosteter Kleiderbügel und ein Barcode, weggeworfen und fotografiert auf einem öffentlichen Parkplatz in Emeryville. Fehlt nur noch ein geplatztes Kondom, und das Bild wäre perfekt: geboren sein, dann immer wieder eingescannt werden, ein paar Jahrzehnte möglichst viel verbrauchen – dann langsam Rost ansetzen und vergehen. Das klingt depressiv? So ist das nicht gemeint. Es ist nur eine Interpretation von vielen. Vielleicht hat sich hier auch ein Pärchen kennengelernt vor langer Zeit, sie hat ihr Haar geöffnet, er hat flugs sein Sakko vom Kleiderbügel gefischt – und dann haben sie einen Mietwagen aufgebrochen in einer sternenklaren Nacht und sind davon gerast ins Glück. Und dabei ist der Barcode abgefallen – und niemand hat das Paar je gefunden, die Autovermietung nicht und die Polizei auch nicht, obwohl in jedem Staat ihr Bild hing von Oregon bis Florida. Das Auto von dem Parkplatz haben sie immer noch. Und sie hat ihre Haare nie wieder zum Zopf gebunden. Und in diesem Moment liegt ihr Kopf auf seinen Schultern, und er hat nur ein T-Shirt an, weil es in der Sonne so heiß ist, und als sie gleichzeitig zu einem Cocktail greifen, der neben ihnen steht, müssen die beiden lachen. Klingt kitschig? Ich weiß.





San Francisco (3)

Juni 8th, 2009

Heute habe ich mir vorgestellt, 14 Jahre an einem Ort verbringen zu müssen – gegen meinen Willen und an einem Ort, der nur ein paar Quadratmeter groß ist. Und der noch dazu auf einer Insel liegt, von der aus ich die schöne Stadt sehen kann, in der ich nicht mehr sein darf. Die menschenvolle Stadt, über der Feuerwerk aufsteigt, wenn da draußen wieder ein Jahr um ist, beziehungsweise ein neues beginnt. Das ist das Perfide an Alcatraz. Und es ist ein seltsam beklemmendes Gefühl, das mich dort beschlichen hat – obwohl ich nur zwei Stunden da war und trotz der vielen Ausflügler, die sich dort gegenseitig in den Zellen fotografieren, um sich danach im Museumsshop Blechnäpfe mit „Alcatraz“-Aufdruck zu kaufen oder aufblasbare Köpfe zum Unter-das-Kopfkissen-legen. Immerhin war es dort weit weniger schlimm, als ich gedacht hatte, habe ich doch grimmige Wärterdarsteller mit Plastikwaffen erwartet. Schließlich ist das ehemalige Gefängnis heute eine Attraktion und noch dazu ein offizieller amerikanischer Nationalpark wie Sequoia oder Yosemite – zwar etwas gruseliger, aber genau so bekannt aus Film und Fernsehen. Das ist übrigens genau das Problem, das ich mit solchen Orten habe: Es fällt mir schwer, wirklich dort zu sein und das sie als Orte wahrzunehmen, an denen ich wirklich gerade bin. Denn immer wieder wandern meine Gedanken. Zu dem tollen Film mit Burt Lancester als “Birdman”, zu allem, dass ich über Al Capone gelesen und gesehen habe, zu all dem also, dass dazu führt, dass so viele Ausflügler heute ihren Weg auf den Felsen gefunden haben – und ich auch. Alcatraz ist so überfrachtet mit Geschichten, dass es darin gefangen ist. Und das einzige, das mir geholfen hat, daraus auszubrechen: die Gitterstäbe zu umfassen und das echte, kalte Metall zu spüren. Über die Wände zu streichen, die ebenso echt und kalt sind wie das Metall. Also den Augenmenschen kurz ruhen zu lassen und Hand anzulegen. Ganz einfach ist das, ein guter Plan und eine ganz sichere Sache – und heute muss man nicht einmal Angst haben, dass jemand Alarm auslöst.







San Francisco (2)

Juni 7th, 2009

Es gibt Orte, an denen könnte ich Stunden verbringen. Dazu gehört (derzeit) unter anderem die Straßenkreuzung vor dem Haus, in dem ich wohne. Dort gibt es genau richtig viel Verkehr, nicht zu wenig und nicht zu viel, und ich beobachte hier gerne die Autos, wie sie sich an den Rand der Kreuzung herantasten, stehen bleiben und schauen, ob jemand kommt und wer als erstes da war und fahren darf. An einem frühen Abend wie diesem ergibt sich ein ständiger Strom aus Fahren und Fahrenlassen, der sehr beruhigend wirkt – wie alles, das funktioniert. Ein anderer Ort, an dem ich gerne lange bleibe, ist der Empfangsbereich eben jenes Hauses, in dem ich gerade wohnen darf. Immer wieder entdecke ich Neues in dieser Lobby, obwohl alles alt erscheint und museal, wie aus einem Filmklassiker – wie etwas, das einmal funktioniert hat und nun seine Ruhe genießt. Wer diesen Ort betritt, der ist nicht mehr draußen und noch nicht ganz drinnen. Das Haus umfängt ihn mit seinem Geruch, der Teppich verschluckt alle Geräusche der Welt: Nur noch ein paar Meter, dann geht der Fallschirm auf. So einen wärmenden Übergang zwischen hinaus aus der Stadt und hinein ins Private – so etwas hätte ich gerne auch zu Hause in Hamburg. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass ich dort die Freude daran so schnell verlieren würde.





Dieses Schild findet sich an allen Häusern der Umgebung. Da das hier die USA sind, mache ich mir nur wenig Gedanken darüber. Warnungen dieser Art dienen hierzulande schließlich meist der rechtlichen Absicherung – so wie der Hinweis, dass der Boden nass sei, obwohl sich kein Tropfen darauf befindet. Ich gehe also davon aus, dass ich meinen Aufenthalt hier überleben werde.

San Francisco (1)

Juni 6th, 2009

Eine mittlere Pizza plus ein Bitzelgetränk plus Salat sind schwer nach Hause zu tragen. Denn ich bin in den USA, das heißt: Die Pizzaverpackung ist caféhaustischplattengroß, die “Soda”, die es zur Pizza im “Meal” dazu gab, ist eine 2-Liter-Flasche, und der Salat, ok: Der ist handlich. Etwas mehr als die Hälfte der Pizza habe ich sogar geschafft, obwohl sie (sehr amerikanisch) oben von einer dichten Käseschicht überzogen war. Den Rest der Pizza habe ich herunter auf die Straße getragen und einem Obdachlosen geschenkt, der sich sehr gefreut hat. An der Cola bin ich immer noch dran, aber die Hälfte ist auch da immerhin schon weg. Das Seltsame: In Los Angeles hätte mich das alles böse gemacht – dieser Größenwahn, bei dem nicht einmal der allerkleinste Kaffee “small” genannt werden darf, sondern mindestens “medium” oder “tall” heißen muss. Hier in San Francisco ist das anders: Hier nehme ich das alles schmunzelnd hin und freue mich, hier zu sein. Und wenn dann noch die kalifornische Sonne alles bunt macht, dann ist der Tag ein guter. Es wäre also gar nicht nötig gewesen, in einer Bar einen der letzten noch lebenden Häftlinge von Alcatraz zu treffen – aber geläuterte Bankräuber, die Wodka Seven Up trinken, können ein gutes Dressing sein für einen bereits fein angerichteten ersten Tag nach der Flucht aus Los Angeles.



Bay Area

Juli 21st, 2008

Heute: San Francisco. Leider nur ein Tag – aber immerhin ein wenig Zeit, die schönen Häuser zu betrachten und die vielen Menschen auf den Hochkantstraßen, und das Wasser, die Brücken und die Möwen, die Cable Cars und die Straßenbahnen, Doughnuts und Wan Tan. Leider nicht bei Sommerhitze, sondern bei diesiger Kälte, aber das macht nichts. Es ist nur anders als die Male zuvor, aber das ist es sowieso. Und dazu passt der Nebel manchmal ganz vortrefflich. Ich freue mich auf morgen, dann verlasse ich zum ersten Mal für ein paar Stunden bekannte Pfade. Ich wäre dann sehr glücklich, wenn die Sonne mein inniges Lächeln beantworten würde. Darauf trinke ich jetzt noch ein “Liberty Ale” der örtlichen Anchor Brewing Company und gehe schlafen.

San Francisco
Kiss-O-Meter