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Erfundstücke (2)

November 19th, 2010

Rentner A trifft Rentner B. A hat einen Kasten mit einem Puzzle unter dem Arm. „Guten Tag“, sagt A. B sagt: „Immer wenn es Herbst wird, fängst du zu puzzlen an.“ „Irgendwer muss die Welt doch wieder zusammen setzen, wenn sie um einen herum zerfällt“, denkt A, sagt aber: „Irgendwie muss man die dunklen Abendstunden ja rum bekommen, bevor es endlich Nacht wird.“ „A und seine Sprüche“, denkt B und sagt: „Du und deine Sprüche.“ Und: „Was ist denn das Motiv?“ A hält ihm die Packung hin. Darauf zu sehen ist eine hellblaue Fläche, sonst nichts. 1000 Teile Hellblau. „Und was soll das sein?“, fragt Rentner B. „Alles“, sagt Rentner A, „und nichts. Was siehst du?“ „Hellblau“, antwortet B, „mehr nicht.“ „Du kannst alles darin sehen, was dir in den Sinn kommt“, sagt A, du musst dem Bild nur nahe kommen. Dann siehst du vielleicht die Schwungfeder eines Wellensittichs oder den Himmel, wie er sich im Mittelmeer spiegelt. Vielleicht auch den hellblauen Strich eines Filzstifts oder die Wurzel der Flamme eines Feuerzeugs, da wo sie am heißesten ist.“ A lächelt. B lächelt auch, aber sein Lächeln ist ein anderes. Die beiden verabschieden sich hastig und höflich. Warum A mit nur 999 Teilen Hellblau zu Hause angekommen ist, weiß ich nicht.

Erfundstücke (1)

Oktober 16th, 2010

“Und was machen wir jetzt?”, fragt Sina. Es ist spät. Morgen ist Mittwoch. “Lass uns doch noch zur Tanke laufen, was zu trinken kaufen”, sagt Sinus. Beide halten das für eine gute Idee und machen sich auf den Weg. Schwankend laufen sie die Max-Brauer-Allee entlang, sie wanken aufeinander zu und wieder fort, sie berühren sich nicht. Die Tanke hat kein gekühltes Bier mehr, es gibt nur noch Sekt, Schnaps und Prosecco. “Prosecco?” fragt Sina. Sinus lächelt. Prosecco also. Er zahlt. Der Tankwart lächelt. Als sie wieder draußen stehen im kalten Herbst, öffnet er die Flasche. Er ist nicht besonders geschickt. Sina lächelt und zündet sich eine Zigarette an. Der Wind hat gedreht. “Weißt du, was ich immer schon mal wissen wollte?”, fragt sie. Er zieht die Augenbraunen hoch. “Ob ich so schnell rennen kann, dass der Blitzer an der Stresemannstraße auslöst”, sagt sie. Sinus lacht. “Das geht doch gar nicht”, sagt er. “Lass es uns versuchen”, sagt Sina, “bitte”. “Ok”, sagt er, inzwischen ist auch die Flasche offen, und die beiden gehen los, an der Autowaschanlage, am Waagenbau und an der Astrastube vorbei und unter der Sternbrücke durch, über die gerade ein Güterzug rattert. “Da vorne ist schon der Blitzer”, ruft Sina und beginnt zu rennen. Sinus, die Prosecco-Flasche in der Hand, bleibt stehen und schaut ihr nach. “Was für eine unglaublich tolle Idee”, denkt er, und: “was für ein sinnloser Versuch.” “Das würde sie doch noch nicht einmal mit dem Rad schaffen”, murmelt er noch – und dann beginnt auch er zu rennen, Prosecco schwappt aus der Flasche auf den Asphalt. Er holt sie nicht ein. Sie rennt und rennt und bleibt kurz hinter der Radarfalle keuchend stehen. “Hast du den Blitz gesehen?”, fragt sie, als er sie erreicht. Es verstreicht keine Sekunde, bis Sinus antwortet. “Ja, klar”, sagt er, “ein schnelles rotes Leuchten. Unglaublich. Du hast es wirklich geschafft!” “Du bist süß”, sagt sie. “Du auch.” Dann streicht er ihr mit seiner Hand über die Haare. Sina lächelt. Sie schauen sich zu lange in die Augen, und dann beginnen sie zu lachen. So laut und so lange, dass der Blitzer ausgelöst hätte, wäre Lachen hier verboten. Dann setzen sie sich auf den Bürgersteig und lehnen sich an die Hauswand. Es ist spät. Sinus trinkt einen Schluck und reicht ihr die Flasche. Sina zündet sich eine Zigarette an, Rauch weht über ihre Haare. Der Wind hat gedreht. Was danach geschehen ist, weiß ich nicht.