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Au contraire

August 23rd, 2010


Damals

August 22nd, 2010

22. August 2029. Zwanzig Jahre ist es nun her, dass das Hamburger Gängeviertel von ein paar hundert Künstlern und Aktivisten (und natürlich Künstlerinnen und Aktivistinnen) besetzt wurde. Alle Häuser sind inzwischen behutsam saniert worden. Viele der paar hundert, die damals dabei waren, wohnen und arbeiten nun in den Gebäuden, viele sind aber auch weitergezogen. Vor 19 Jahren haben sie gemeinsam und mit ihren Gästen Geburtstag gefeiert, drei Tage lang den einen Tag im August 2009, an dem alles begonnen hatte. Es war ein Wochenende, das Wetter war gut, sowohl der FC St. Pauli als auch der HSV hatten damals ihre Spiele gewonnen, bis spät in die Nacht zogen Besucher durch das Gängeviertel. An diesem Tag entstanden diese historischen Bilder, die erst jetzt gefunden wurden und nun exklusiv auf dieser Seite veröffentlicht werden.











Die Bilder entstanden mit der iPhone-App “Hipstamatic”. Mehr Infos dazu gibt es hier.

Blankenese (2)

August 14th, 2010

Diese Bilder erzählen eine Geschichte. Sie spielt in Blankenese am vorgestrigen Tage und hat ebenso wie die Geschichte, die sich am selben Tage vor dieser ereignet hat, keine Handlung. Es werden wiederum nur Füße voreinandergesetzt, die Schuhe sind bereits sandig. Während dieser Geschichte wellen sich Hunde, und in der Vorstadt wachsen beleuchtete Pilze. Tee ist eine Religion und kostet 4,50 Euro das Kännchen. Menschen laufen vorüber, und wir wollen sie nicht kennen lernen. Das ginge auch nicht: Wir sehen sie, sie sehen uns nicht. Autos fahren dicht auf. Wer hier parken will, holt sein Ticket beim Arzt. Laute Musik wellt sich über Tapas. Dann gibt es Eis. Dann dämmert es. Arcade Fire spielen “The Suburbs”. Die Flucht ist gelungen, die Geschichte ist vorbei.



Blankenese (1)

August 12th, 2010

Diese Bilder erzählen eine Geschichte. Sie spielt in Blankenese am heutigen Tage und hat keine Handlung. Es werden nur Füße voreinander gesetzt und Schuhe dabei sandig. Mal liegt das Wasser links, mal schwappt es rechts. Während dieser Geschichte haben Schiffe Sex im Hafen. Es wird geklärt, warum man Salatsoße kauft, und ein roter Aufkleber findet seinen Platz am Pfosten eines Schildes, das vor dem Wasser warnt. Wildsäue reiben sich an weißen Baumstämmen, und Eichhörnchen erhängen sich in einem Baum. Andere Bäume formen aus ihren Zweigen ein Herz, dahinter fährt ein Schiff nach China. Wenig später bellt von oben ein Hund. Es wird geraucht, und das Handynetz fällt aus. Es wird währenddessen Herbst. Danach passiert nichts mehr.






Katzengold

August 2nd, 2010

Da stand sie nun an der Mauer und atmete flach wie Sprühfarbe. Wie sie aussah, wird später niemand genau sagen können, denn dann wird sie verblichen sein. Der Regen wird sie von der Mauer gewaschen und die Sonne wird sie zerblichen haben. Vielleicht hält sie durch bis zum Herbst, wenn sie Glück hat. Neben ihr an der Wand steht ein Satz. „Es gibt kein Gold“, steht da geschrieben. Ist das ihr Gedanke? Weiß sie etwas, das wir nicht wissen? Es gibt kein Gold. Aber dass es direkt neben ihr weiße Schlangen mit Schnabelköpfen gibt, auf denen rote Ameisen herum krabbeln wie die Zeit auf ihren Armen und dem Kleid – davon weiß sie nichts. Vielleicht, weil sie dieses Tier nicht denken kann? Was sie sieht, direkt ihr gegenüber: Holz. Stacheldraht. Eine große, weiße Plastikplane. Dahinter steht ein Haus. Das aber ahnt sie nur. Gesehen hat sie es nie. Sie kam erst hierher, als es schon verdeckt war. „Es gibt kein Gold“, denkt sie wieder, „alles, was es gibt, ist Katzengold. Und aus der Katze habe ich mir dieses Kleid gemacht.“ Alt wird sie hier nicht werden. Die Ameisen krabbeln zurück in ihr Loch. Darin ist es hell. Das letzte Licht der Sonne dringt hinein und spiegelt sich in tausenden kleinen Nuggets. Es ist ihr ganzer Schatz.



Hamburg, eure Perle

März 9th, 2010

Außerdem war ich vor kurzem erstmals im “Miniaturwunderland” in Hamburg, dieser riesigen Mini-Eisenbahnlandschaft im Hafen. Und mein Gott, war das voll da. An einem Montagvormittag. Nicht auszudenken, was am Wochenende dort los ist. Ein Besuch dort ist aber auch wirklich ganz nett für eins, zwei Stunden: Züge fahren durch Hamburg, durch die USA und Skandinavien und an einem DJ Bobo-Konzert vorbei. Die Zielgruppe – Kinder und Kinder in bärtigen Männern – ist begeistert. Und gerade den HSV-Fans wird einiges geboten, nämlich ein sehr liebevolles Modell der HSH Nordbank-Arena inklusive Videoleinwand und einem dort gerade stattfindenen Heimspiel gegen den FC St. Pauli. Dass dieses 4:1 gewonnen wird, kann ich ja noch verstehen (man will ja keine Besucher so verärgern, dass sie im museumseigenen Restaurant keine teure Wurst mehr essen mögen) – aber dass, während das Spiel läuft, draußen noch St. Pauli-Fans vor dem Eingang von der Polizei eingekesselt werden, war mir dann doch zu viel Wirklichkeitsnähe (schön allerdings finde ich, dass es der Ultra mit dem Megaphon anscheinend nicht pünktlich zum Anpfiff geschafft hat – und stelle mir vor, wie seine Genossen im Stadion nun gar nicht wissen, was sie singen sollen). Ansonsten bedauere ich die Mitarbeiter des Wunderlands, dass sie alle paar Monate den Namen des Stadions ändern müssen, und weise sie noch auf einen Fehler hin: Die vielen Autos, die vor der Arena parken, haben allsamt Hamburger Nummernschilder. Kein einziges kommt aus Pinneberg oder Winsen an der Luhe. Das raubt dem Gesamtwerk einiges an Authentizität.

Minaturwunderland 1

Minaturwunderland 2
Minaturwunderland 3
Minaturwunderland 5Minaturwunderland 4

Gartensterben

Oktober 18th, 2009

Es ist viel los in der Stadt. Viele Menschen entdecken gerade, dass sie sich nur bewegen müssen, um etwas zu bewegen. Sie beginnen miteinander zu reden und entdecken Gemeinsames – und oft erkennen sie dabei, dass sie nicht nur gemeinsam gegen etwas sind, sondern von ganzem Herzen für etwas: für ein Hamburg, in dem sie gerne leben möchten – und das sie so leben lässt, wie sie wollen. Das ist der Nenner, der zählt. Ob das neu belebte Gängeviertel, das bunte Frappant, das Gartenkunstnetz oder die bedrohte “Kogge” auch in dem neuen Hamburger Panini-Sammelalbum vorkommen? Vielleicht wäre das gar nicht so schlecht. Vielleicht würden die entscheidenden Behörden dann endlich erkennen, dass nicht nur etwas wert ist, was sich in Euro berechnen lässt. Dass eine “wachsende Stadt” auch wachsen lassen muss, was sich nicht beschneiden lassen will. Ich war heute draußen bei widerständigen Kleingärtnern. Die “Schreberspacken” kämpfen unter dem Motto “Apfelbaum braucht Wurzelraum” derzeit um den Erhalt ihrer Gärten. Um Wildwuchs, um Platz für Gemüse und Obst, um ein Stück eigene Natur, um ihren Lebens- und Erlebensraum neben der Autobahn. Wie gradlinig es schon ein paar Meter weiter aussieht, habe ich fotografiert.

Holmbrook 1
Holmbrook 2
Holmbrook 3
Holmbrook 4
Holmbrook 5

Strahlender Abgang

September 30th, 2009

In Deutschland wird es dunkel – und dann geht draußen gerade auch noch der Sommer vorbei. Bald wird es gefühlt nur noch zwei Stunden am Tag hell sein. Zeit also für ein Abschiedsbild, zum Immer-wieder-anschauen-und-erinnern, wenn der Nieselregen die Jacke durchnässt und sich der braune Schnee durch die Schuhsohlen frisst, wenn die Häuserwände wieder zu glänzen beginnen und die Hinterreifen der Fahrräder haftpflichtvergessen wegrutschen in den Kurven. Die Bäume werden ihre Farben wechseln, und die Bälle in den Stadien werden bald orange sein. Es wird enger werden in den Kneipen, weil niemand mehr davor sitzt, in der Innenstadt stechen sie sich bald wieder die Schirme in die Augen, und die Möwen werden klamm auf Packeis durch den Hafen schunkeln. So wird das sein, wenn der die große, nasse Koalition kommt, wenn Herbst und Winter den Vorsitz übernehmen. In den Einkaufswagen stapeln sich bereits die Marzipankartoffeln, der süße Trost der langen Monate. In vorauseilendem Gehorsam habe ich schon mal Ersatzbatterien für mein Rücklicht gekauft, im Schrank die Wärmflaschen gesucht (und gefunden), Bücher habe ich auch genug, und die Pflanzen auf meinem Balkon sind wetterfest. Also: Es kann losgehen.


9/13

September 13th, 2009

Die Kosten für den Einsatz + Schaden im Arbeitslager bearbeiten lassen, nix mit Wegsperren auf Staatskosten… Steinbruch ist die Lösung. Kesselt dieses Pack ein und treibt es in die Elbe. Und achtet darauf, dass keiner wieder ans Ufer kommt von diesem arbeits- und lichtscheuen Gesindel. Die Chaoten müssten nach Afghanistan geschickt werden. Dort könnten sie gegen die Taliban mal zeigen was sie so alles drauf haben. Markiert die Typen mit Farbe, so kann man sie nachher schneller finden. Knüppel raus und drauf, und meine Segen habt ihr, liebe Polizisten.

Soweit die Gewaltfantasien in den Köpfen der BILD-Zeitungsleser. Das ist nicht verwunderlich. Was ich gerne wissen würde: Was die Idioten sich denken, die gestern Nacht die Wache in der Lerchenstraße angegriffen und dann stundenlang durch das Viertel randaliert haben. Wie geil muss das gewesen sein, im Lichtkegel eines Hubschraubers auf Polizisten loszugehen bzw. davon zu rennen – irgendwie voll Hollywood, total Staatsfeind Nr. 1, krass ACAB und so; gibt bestimmt viel zu erzählen zu Hause in der Vorstadt. Ich verstehe ja deren Verzweiflung darüber, dass das Schanzenfest fast völlig friedlich verlaufen ist, dass Kissen und Federn flogen statt Steine, und dass Volleyball vor der Roten Flora gespielt wurde statt Paintball – nur: Niemand soll mir erzählen, dass das, was Mitternacht passiert ist, irgendetwas mit Politik zu tun hat oder mit den Problemen des Viertels oder der Stadt. “Die Polizei sprach von mehreren hundert gewaltbereiten Randalierern aus unterschiedlichen Lagern. Darunter waren auffallend viele Jugendliche und angetrunkene Festbesucher, die erkennbar nicht zum links-autonomen Spektrum zählten”, ist zu lesen, und das kann ich bestätigen: Je später es wurde, desto mehr Gruppen von Jungs mit dicker Hose haben sich unter das Fest gemischt, aggressiv gegen die Leute, die seit Stunden dort gefeiert haben und nur darauf aus, Stress zu machen. Es ist wohl nötig, dass die Menschen, die das Schanzenfest als politisches Fest verstehen, sich beim nächsten Mal Gedanken darüber machen, wie Gewalt der Gewalt willen zu vermeiden und zu ächten sein könnte. Wie das Fest verläuft, wenn die Polizei sich im Hintergrund hält, wissen wir nun – und diese Strategie der Polizei war so überraschend wie gut – jetzt wird es darum gehen, zu zeigen, dass das Schanzenfest sich selbst schützen kann vor Krawallmachern ohne Sinn, Verstand oder jeglicher politischer Motivation.

Nachtrag: Hier bei Indymedia gibt es zwei Kommentare – von “Anwohner” und “piper” – über die ich mich sehr gefreut habe. Ein Auszug: “Seit Jahren haben wir argumentiert, die Gewalt ginge vom Staat aus, die Polizei habe wegen Kleinigkeiten das Schanzenfest mit unverhältnismässigen Mitteln ‘angegriffen’. Anwohner und Lädenbesitzer haben sich solidarisiert, haben gemeinsam mit linken Strukturen das Fest durchgesetzt und öffentlich Druck gemacht, es in Ruhe zu lassen. Seit gestern ist das nicht mehr möglich.”



Besonders großartig gestern war die Kissenschlacht – eine nicht enden wollende Kissenschlacht: Mehr als eine halbe Stunde lang war der Platz vor der Flora in Federn gehüllt; es war, als würde es schneien im Spätsommer. So viel Lächeln habe ich selten bei so vielen Leuten gesehen. An verflaumten Haaren und Kaputzenpulis war noch lange Zeit später zu bestimmen, wer mittendrin gewesen war – der Punk, der Student, der Kameramann. Und das Schöne: Ich hatte das Gefühl, dass die meisten Kissenwerfer wussten, dass es dabei um mehr ging als nur um ein Event.



9/12

September 12th, 2009

9/12 ist da, der Samstag, auf den seit Wochen alles hinzuwarten scheint: Bewohner, heimische und zugereiste Autonome, BILD-Reporter und Polizisten aus dem ganzen Land feiern heute das Schanzenfest mit Flohmarkt, Musik, Feuer und Blaulicht. Ein traditionelles Stelldichein ist das, ein riesiges Räuber- und Gendarm-Spiel, bei dem sich alle freuen, dass so viele von den anderen da sein werden. Schon jetzt kreisen die Hubschrauber vor meinem Fenster, gerade geht sogar eine Sirene los. Gleich werde ich mal runter laufen in die Schanze und mich freuen, wie bunt alles ist und leicht und wie liebenswert. Doch irgendwann, das weiß ich auch, wird eine der beiden Seiten die Schnauze voll haben, dass so viele Menschen so viel Spaß haben, ohne dass das jemand genehmigt hat. Im Juli, beim Hinspiel, war das die Polizei; mal sehen, wer dieses Mal keine Lust mehr hat zu warten – Schwarz oder Grün. Wie ich höre, ist für 21:30 Uhr eine Kissenschlacht geplant vor der Roten Flora, und danach wird der Stadtteil wohl wieder Federn lassen. Ich werde da sein, weil es gut ist, da zu sein. Und ich werde gehen, wenn das Ganze nicht mehr mein Spiel sein wird. Erfahrungsgemäß sitze ich spätestens um Mitternacht auf meinem Sofa und schüttle den Kopf über das bestellte Haschmich da draußen – und dann werde ich mich lächelnd erinnern, wie der Tag angefangen hat: mit einem Fest, das sein muss, weil so vieles nicht sein muss.




Selbstgänger

September 4th, 2009

Das Hamburger Gängeviertel ist einer der ältesten noch erhaltenen Häuserkomplexe der Stadt. Und es steht ihm ein Teilabriss bevor. Vor zwei Wochen haben mehrere hundert Künstler und Künstlerinnen die Häuser besetzt und fordern unter anderem deren Erhalt. Noch sind sie nicht von der Polizei geräumt worden – im Gegenteil: Die Stadt will die neuen Bewohner “bis auf weiteres tolerieren”. Wer in Hamburg wohnt oder die Tage in der Stadt ist, sollte also das kreativ belebte Viertel unbedingt besuchen und mit eigenen Augen sehen, was dort in kürzester Zeit entstanden ist – unter anderem eine fulminante Open-Air-Galerie mit Werken von Hamburger Street Artisten. Also: hingehen! Denn deren Werke sind – gerade bei diesem Wetter – überaus vergänglich.






Cambridge, MA (1)

August 25th, 2009

Ich scheine derzeit hier nur etwas schreiben zu können, wenn ich im Ausland bin. Und ich kann nicht genau sagen, woran das liegen mag. Vielleicht frisst mich zu Hause mein Alltag zu sehr auf, vielleicht brauche ich aber auch den Abstand und die tiefen Teppiche der Hotels. Vielleicht kann ich auf Holzdielen nicht bloggen. Oder es fällt mir in Hotels leichter. Ich mag nämlich Hotels. Wo sonst ist morgens wieder alles am Platz, wo auch immer ich es hin geräumt habe? Wo sonst kann ich mich am Morgen wecken lassen und sicher sein, dass ich die mich weckende Person nicht um den Schlaf gebracht habe? Wo sonst läuft im Fernseher nicht Markus Lanz, sondern “Dating in the Dark” – und das auch noch in HD. Mein Hotel liegt übrigens zehn Fußminuten vom MIT entfernt, und das ist auch das einzige, das ich mir bislang angesehen habe. Oder zumindest einen kleinen Teil davon. Denn das MIT ist eine Kleinstadt (neben der Großstadt Harvard) – und selbst in den Gebäuden kann man sich sehr leicht verlaufen. Als würden die Institute selbst ihre Studenten auswählen: Wer sich zurecht findet, kann so falsch hier nicht sein. Was mich gefreut hat: Das MIT ist genau so nerdig, wie ich es mir vorgestellt habe. Überall kleben bunte Einladungen zu Science-Fiction-Fangruppen, an den Schwarzen Brettern hängen gute und schlechte Nerdwitze, und im Kino läuft der neue “Star Trek”. Genau so muss es auch sein. In welchem Umfeld könnte man sonst Wecker erfinden, die weglaufen, nachdem sie geklingelt haben? Wie mein Taxifahrer auf dem Weg vom Flughafen zum Hotel so schön gesagt hat: “They have smart people there. And crazy ones. Smart and crazy ones, too. These are the ones that may become famous.”






Es brennt!

Juli 21st, 2009

Heute ist der Tag, an dem der neue Adidas-Franchise-Store am Schulterblatt eröffnet, genauer gesagt am Schulterblatt 11 – dort, wo ich meine schöne, rote Umhängetasche gekauft habe. Wo es einen Laden gab, in dem sich weißhaarige Frauen und Männer ganz viel Zeit genommen haben, bis ich die richtige Tasche hatte. Und erst zufrieden waren, als ich es war. Den Laden gab es ewig, nun gibt es ihn nicht mehr. Genau so wie den alten Friseurladen und 1000 Töpfe und meinen alten Bäcker. Nun ist natürlich nicht alles Neue schlecht, nur weil es neu ist – aber es stirbt jedes Mal ein Stück Einzigartigkeit (und genau die soll es doch sein, wegen der dieses Viertel so beliebt ist). Wer weiß: Vielleicht folgen bald H&M und Zara und Starbucks und Burger King und Subway und Nike, und dann zieht ein Mediamarkt in die Flora und im Centro Soziale eröffnet ein Schweinske – und dann ist endlich alles gut und entstört. Dann sieht es hier aus wie überall: Das Viertel ist geldverkehrsberuhigt, auf den Bürgersteigen stehen sich die Wachleute der Geschäfte die Füße platt, und wer hier dann nicht ins Bild passt, der bekommt auf’s Maul, und Nachts ziehen sich dann Agentur-Praktikanten schwarze Kaputzen ins Gesicht und sprühen flotte Guerilla-Marketing-Sprüche an die Wände, weil ihre flotten Kunden auf so was stehen, auf so was Subversives und Alternatives, auf so was mit Ironie und Augenzwinkern. Ja, das ist Galgenhumor. Und es muss ja auch alles nicht so kommen. Heute Abend läuft am Millerntor übrigens der Film Empire St. Pauli, eine Dokumentation über die Umstrukturierungen im Stadtteil. Danach wird es eine Demo geben.



Chicago

Juni 16th, 2009

Ich bin wieder in meinem schönen Hamburg gelandet – nach insgesamt 32.451 Kilometern Reise (sagt Wolfram Alpha). Ich habe Hunger, Durst und leider nichts im Kühlschrank. Zum Glück bin ich immer noch angefüllt mit Chicago, das sich uns von seiner besten Seite gezeigt hat: mit Blues und Sonne, kaum Wind und lauter netten Menschen. In dieser Stadt wäre ich gerne noch einige Tage länger geblieben, wäre dort noch weiter mit dem Fahrrad gefahren, hätte noch weitere Filme in 3D gesehen, hätte die Häuser bewundert und Museen besucht. Aber mehr ging nicht. Das ist schade – aber auch schön, habe ich doch nun eine weitere Stadt auf meiner Liste der Orte, die ich noch einmal gerne besuchen würde. Neben Shanghai natürlich. Jetzt erst einmal: ankommen, mich wieder einfühlen, zur Ruhe kommen. Und ganz ausgiebig ganz viele profane Dinge tun.






USA (2)

Juni 14th, 2009

Heute nicht viele Worte. Bin gerade in Chicago angekommen, der letzen Station meiner Reise. Über mir: Flugzeuge im Landeanflug, neben mir: Autos, in mir: Mattigkeit. Zweiteres ist also wie immer, die Flieger und die Müdigkeit sind neu. Zeit, zurückzukehren in mein schönes Hamburg und zu meinen Freunden. Es soll dort sogar gutes Wetter sein, und bei Sonnenschein ist Hamburg ja unschlagbar. Das ist also mutmaßlich mein letzter Eintrag aus den USA (außer ich finde morgen noch Lust, Zeit und Netz) – und den widme ich einigen Gebäuden und Straßen. Dem „Interlocken Loop“ auf dem Weg nach Boulder wegen seines tollen Namens, dem Bahnhof in Denver wegen seiner ernsthaften Bitte um Ruhe, dem Obama-/Lincoln-Gebäude gegenüber unserer dortigen Autovermietung wegen seiner bloßen Existenz – und der Columbine Highschool in Littleton, weil sie mir seitdem die Frage stellt, warum ich da unbedingt hin wollte. Weil ich noch nie in der Nähe war, klar – aber das wäre zu einfach. Das war der Auslöser, aber nicht der Grund. Wahr ist: Ich weiß es nicht. Und wahr ist auch: Ich habe mich unwohl gefühlt an diesem Ort, weil ich mir nicht nur vorkam wie ein Voyeur, sondern unbestreitbar einer war. Einer, der an Tatorte von Verbrechen reist, des Grusels wegen. Und, ja, es war gruselig. Aber noch irritierender als der Ort an sich war der Umstand, dort zu sein – an einem Platz zu stehen, den ich bislang nur aus dem Fernsehen kannte. Und zwar nur aus den Aufnahmen vom April 1999, nicht zuvor und kaum danach. Ich kenne dieses Gefühl – zuletzt vom Platz des Himmlischen Friedens in Peking – aber in Littleton habe ich die schrecklichen Fernsehbilder und den echten Ort nicht in Deckung bekommen. Ich weiß nicht, was ich erwartet habe – aber es erschien mir, als würde sich die Schule gegen mich wehren. Wir sind dann auch recht schnell wieder gefahren. Ich habe mich pietätlos gefühlt. Aber immerhin durfte ich etwas mitnehmen aus Littleton: Die Aufgabe, die Frage zu beantworten, was mich dahin gezogen hat – und die Erkenntnis, dass ich nicht überall gewesen sein muss.