San Francisco (3)

Juni 8th, 2009

Heute habe ich mir vorgestellt, 14 Jahre an einem Ort verbringen zu müssen – gegen meinen Willen und an einem Ort, der nur ein paar Quadratmeter groß ist. Und der noch dazu auf einer Insel liegt, von der aus ich die schöne Stadt sehen kann, in der ich nicht mehr sein darf. Die menschenvolle Stadt, über der Feuerwerk aufsteigt, wenn da draußen wieder ein Jahr um ist, beziehungsweise ein neues beginnt. Das ist das Perfide an Alcatraz. Und es ist ein seltsam beklemmendes Gefühl, das mich dort beschlichen hat – obwohl ich nur zwei Stunden da war und trotz der vielen Ausflügler, die sich dort gegenseitig in den Zellen fotografieren, um sich danach im Museumsshop Blechnäpfe mit „Alcatraz“-Aufdruck zu kaufen oder aufblasbare Köpfe zum Unter-das-Kopfkissen-legen. Immerhin war es dort weit weniger schlimm, als ich gedacht hatte, habe ich doch grimmige Wärterdarsteller mit Plastikwaffen erwartet. Schließlich ist das ehemalige Gefängnis heute eine Attraktion und noch dazu ein offizieller amerikanischer Nationalpark wie Sequoia oder Yosemite – zwar etwas gruseliger, aber genau so bekannt aus Film und Fernsehen. Das ist übrigens genau das Problem, das ich mit solchen Orten habe: Es fällt mir schwer, wirklich dort zu sein und das sie als Orte wahrzunehmen, an denen ich wirklich gerade bin. Denn immer wieder wandern meine Gedanken. Zu dem tollen Film mit Burt Lancester als “Birdman”, zu allem, dass ich über Al Capone gelesen und gesehen habe, zu all dem also, dass dazu führt, dass so viele Ausflügler heute ihren Weg auf den Felsen gefunden haben – und ich auch. Alcatraz ist so überfrachtet mit Geschichten, dass es darin gefangen ist. Und das einzige, das mir geholfen hat, daraus auszubrechen: die Gitterstäbe zu umfassen und das echte, kalte Metall zu spüren. Über die Wände zu streichen, die ebenso echt und kalt sind wie das Metall. Also den Augenmenschen kurz ruhen zu lassen und Hand anzulegen. Ganz einfach ist das, ein guter Plan und eine ganz sichere Sache – und heute muss man nicht einmal Angst haben, dass jemand Alarm auslöst.







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