Wer lebt, stört

Juli 11th, 2009

Ich wollte hier schon lange etwas schreiben zum Schanzenfest und über den Angriff auf das Jolly Roger: zu Wasserwerfern, die ohne Vorwarnung in ein friedliches Fest hinein brettern und auf Feiernde drauf halten, zu Polizisten, die Reizgas in geschlossene Räume sprühen und einem St. Paulianer mit dem Gummiknüppel die Zähne ausschlagen – und zu all dem, das hier im Stadtteil passiert an Vertreibungen und Videoüberwachung und uniformierter Präsenz. Ich wollte schreiben über die Kriminalisierung jeglichen Widerstands und darüber, wie ein mir liebes Viertel gerade mit Geld und Gewalt auf Massenkonsum getrimmt und damit zu Brachland wird. Und gerade, als ich loslegen wollte, flattert der neue Newsletter des “Übel & Gefährlich” in meine Mailbox. Und, Mensch!, da steht doch alles – und besser hätte ich es nicht schreiben können:

Bevor hier das letzte alte Haus abgerissen oder marmorsaniert ist, bevor das letzte Kino geschlossen, der letzte Buchladen rausgeekelt, die letzte Oma aus ihrer Wohnung ins Heim genötigt wurde und die ganzen kaufschwachen Studenten nach Wilhelmsburg umgesiedelt sind, am besten gleich mit der kompletten gottverdammten Uni, weil aus der alten kann man bestimmt ein tolles Einkaufsquartier machen – bevor Sie, werte Leser, hier also alle nicht mehr wohnen und leben können und wollen und nur noch Zaungäste sind, damit die Firma Stadt ihr Säckel schön voll machen kann, um zum Beispiel die ein oder andere Landesbank vor der eigenen Dummgier zu retten oder verlustbringend Krankenhäuser zu privatisieren; bevor hier also alles aus Geldgeilheit und Gleichmachungswahn vernichtet ist und kaltgestellt und verödet, bevor hier überhaupt einfach nichts mehr ist, was das Leben lebenswert macht, und alle, die dagegen sind oder im Weg stehen, ihre Schneidezähne aus Schlagstöcken klauben müssen, aber kein Geld haben, sich neue zu kaufen; bevor wir also endlich alle zu Tode gefilmt, geregelt, geklagt und verarmt wurden, und unsere Überreste sich am Stadtrand türmen, auf dass wir dort die Viertel beleben für H&M in zehn Jahren, für den ewig wuchernden Kreis der Krake Kapital; bevor also nur noch Musicalbesucher, Messefressen und eigentumsgeile Polizeigewaltbeführworter durch jene Straßen flanieren, wegen deren Andersartigkeit und Lebendigkeit wir dereinst nach Hamburg gezogen sind; bevor es also verdammt noch mal soweit ist, bitten wir inständig um zivilen Ungehorsam und kluge Reaktion gegen Mauerbauer, Rausklager, Draufhauer und Ausbeuter. Sonst singen wir bald alle brav im Chor: „Aber hier leben, nein Danke.“ Und sind raus.

An dieser Stelle noch vielen Dank an alle, die gestern auf der Demonstration gegen Polizeigewalt waren. Ich muss danken, obwohl es mir eigentlich nicht zusteht, schließlich habe ich nichts organisiert oder geregelt, ich war einfach auch nur da. Es ist ein Dank an alle, die auch einfach nur da waren. Danke an die tausenden Anhänger des FC St. Pauli, die friedlich blieben trotz der Wasserwerfer und Räumpanzer. Danke für die Musik aus dem Lautsprecherwagen. Danke an den Verein für die Unterstützung. Danke auch an die besonnenen Polizisten und Ordner. Danke an alle, die in der Demo den nicht so Besonnenen die Astra-Flaschen abgenommen haben und Situationen entschärft haben, in denen das Ganze hätte schief gehen können. Und vielen Dank an die HSV-Fans, die ich gesehen habe. Auf so eine Demo zu gehen, mittenrein zwischen tausende St. Paulianer – der Sache wegen und gemeinsam auf der Straße dieser Sache wegen: Das hat mich noch glücklicher gemacht als ich eh schon war angesichts dieser Masse an Menschen, die in so kurzer Zeit zu mobilisieren waren. Danke für all die Solidarität und den Zusammenhalt.

4 Responses to “Wer lebt, stört”

  1. Sonntagslinks | kaliban Says:

    [...] Sven aus Hamburg schreibt über die Ereignisse beim Schanzenfest. [...]

  2. CENTRO SOCIALE » Blog Archive » Neuigkeiten aus dem Centro - und rundrum Says:

    [...] Eine kurze Einschätzung zur Gentrifizierung aus Sicht unserer Nachbarn im Bunker haben wir auf Sven Stillichs Blog gefunden. + + +  BLÄTTERN: Für die bessere Übersichtlichkeit schalten wir die Tagesnotizen ab [...]

  3. Quasipresseschau 232 | NIGHTLINE Says:

    [...] Wer lebt, stört Ich wollte hier schon lange etwas schreiben zum Schanzenfest und über den Angriff auf das Jolly Roger: zu Wasserwerfern, die ohne Vorwarnung in ein friedliches Fest hinein brettern und auf Feiernde drauf halten, zu Polizisten, die Reizgas in geschlossene Räume sprühen und einem St. Paulianer mit dem Gummiknüppel die Zähne ausschlagen… [...]

  4. Quasipresseschau 232 « Global Posts Says:

    [...] Wer lebt, stört Ich wollte hier schon lange etwas schreiben zum Schanzenfest und über den Angriff auf das Jolly Roger: zu Wasserwerfern, die ohne Vorwarnung in ein friedliches Fest hinein brettern und auf Feiernde drauf halten, zu Polizisten, die Reizgas in geschlossene Räume sprühen und einem St. Paulianer mit dem Gummiknüppel die Zähne ausschlagen… [...]

Leave a Reply