Nummer 1 braucht einen Stein
September 20th, 2009
Neben meiner Wohnung befindet sich eine Schule, vor meiner Wohnung ein Spielplatz, und neben dem Spielplatz ein Altersheim. Diese Komposition mag ich: Die Schüler lärmen, spielen Fußball und freuen sich, wenn ich ihnen verschossene Bälle zurückkicke; die Alten rauchen und freuen sich, wenn ich ihnen manchmal Zigaretten vom Kiosk mitbringe. Soweit, so normal. Vergangener Mittwoch jedoch war kein normaler Tag. Ich glaube, es war Projektwoche (in der Schule), denn als ich aus meinem Schlafzimmerfenster geschaut habe, sah ich unten ein paar Kinder mit gelben Bauarbeiterhelmen auf, die mit ihrer Lehrerin gerade ein “Haus” mauerten. Soweit, so bestimmt pädagogisch empfehlenswert – Vorbereitung auf das Arbeitsleben und so, Teamwork, Handwerk und goldener Boden. Dass die Kinder da unten Sätze sagten wie “Nun mach schon, die Arbeit wartet nicht” und “Kollege kommt gleich”, hat mich zwar ein wenig verwundert, aber vielleicht, so dachte ich mir, haben sie das aufgeschnappt – zu Hause oder in “Einsatz in vier Wänden”. Doch dann bin ich erschrocken: Die Lehrerin (ohne Helm) hat die Kinder nämlich dazu gezwungen, sich mit Nummern anzureden. “Nummer 1, ich brauche noch einen Stein”, “Nummer 3, geht das nicht schneller?” Und da habe ich mich dann schon gefragt, welches erzieherische Ziel dahinter stecken mag, Kindern beizubringen, dass sie im Arbeitsleben nur noch eine Nummer sein werden. Den Kindern hat das natürlich Spaß gemacht (wie mir, wenn sich in “Reservoir Dogs” Mr. Orange mit Mr. White unterhält), für sie ist das alles ein Spiel. Für die Lehrerin übrigens nicht. Als eines der Kinder seinen Freund mit “Hannes” angeredet hat, wurde es von ihr so dermaßen angeschrien – “DU SOLLST KEINE NAMEN VERWENDEN, SONDERN SEINE NUMMER!” – dass es mich gegruselt hat. Ich habe dann das Schlafzimmerfenster wieder zu gemacht und bin in die Küche gegangen, abwaschen – erst Nummer 1, den tiefen Teller, und dann Nummer 2, die Tasse, bis zu Nummer 34, dem kleinen Löffel. Dann war ich auch damit fertig und konnte anfangen zu arbeiten.

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