Walk on (and never come back)

Januar 24th, 2010

Ich war gestern im Stadion gegen Aachen. Es waren außer mir noch weitere 19629 Zuschauer da. Und ich stand ausgerechnet hinter den schlimmsten und widerwärtigsten St. Pauli-Fans, die ich je erlebt habe. Zur Vorgeschichte: Beim Hinspiel in Aachen ist ein St. Paulianer von einer Brüstung gestürzt und hat diesen Fall nur sehr knapp überlebt. Viele haben ihm Glückwünsche gesendet danach, viele haben Geld gespendet, Fans und beide Vereine haben ihn also mit allen Kräften unterstützt.Gestern war er im Stadion, um sich zu bedanken. Oder er hat es versucht. Er stand vor Anpfiff auf dem Spielfeld und hat zwei Mal angesetzt, eine vorbereitete Rede zu verlesen. Zwei Mal ist er nicht über die ersten Sätze hinaus gekommen, dann hat ihn seine Stimme verlassen – und er hat begonnen, zu weinen. “Ich danke als erstes dem Aachener Mannschaftsarzt” – Tränen. “… der mich zwei Mal zurück geholt hat”. Tränen, Schluchzen. Über Lautsprecher. Jeder im Stadion musste spüren, wie schwer ihm das fiel. Und wie dankbar er war. Viele haben ihm applaudiert, um ihm Mut zu machen. Nur die Idioten vor mir nicht. Die haben gelacht. Die ganze Zeit. “Was soll das denn jetzt, ich bin doch zum Fußball hier”, hat der eine seinen Kumpels zugerufen. Lachen. “Oooh, mir wird ganz warm ums Herz”, rief der andere. Lachen. Und als der Fan zu einer Runde um das Spielfeld ansetzte – “oh nein, das jetzt auch noch”– sich bei den Aachener Fans bedankte und schließlich vor der Südtribüne ankam und dort beklatscht wurde, fielen zwei der schlimmsten Sätze, die ich im Stadion je gehört habe. “Der hat sich damals wohl absichtlich fallen gelassen, um heute bejubelt werden” und “Haha, jetzt ruscht er bestimmt gleich aus und knallt mit dem Kopf gegen den Torpfosten.” Mir fehlt die Vorstellungskraft, mich in diese Köpfe hinein zu versetzen. Das war so unglaublich abstoßend und menschenverachtend, ich hätte nicht gedacht, dass ich so etwas am Millerntor jemals erleben würde. Und bin dann in der Halbzeit gegangen. Aus Ekel. Und enttäuscht von mir selbst, dass ich den Typen nicht einfach eine geknallt habe.

2 Responses to “Walk on (and never come back)”

  1. selp Says:

    Dumme Sache, aber wieso hast du denn nicht interveniert? Und die anderen, die das mitbekommen haben?

  2. Sven Says:

    @Selp: Es gibt Situation, da ist man so fassungslos angesichts dessen, was gerade passiert, dass man vergisst zu handeln. Das war für mich so eine Situation. Und ich fühle mich immer noch schlecht deswegen. Ich hoffe, nächstes Mal mache ich das anders.

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