Die letzten Tage war ich (zum ersten Mal seit langer Zeit) am Millerntor, sogar auf der neuen Südtribüne, diesem im Vergleich zum Rest des Stadions gigantischen Bauwerk, dass ein wenig dasteht, als hätte sich ein Stadtplaner auf seinem Stadtplanerprogramm verklickt. Und trotzdem mag ich das Ding. Ich mag nicht dort stehen oder sitzen, mir ein Spiel ansehen und mich von den “Ultras” einlullen lassen; ich mag die Südtribüne als steingewordenes Symbol dafür, dass man nur lange genug an etwas glauben muss, dann wird es schon wahr werden. Seit ich nach Hamburg gekommen bin, habe ich mit angehört, dass nun bald das neue Stadion gebaut würde, dass schon morgen die Bagger kommen könnten. Doch dieser Morgen kam nie, und man hatte sich schon daran gewöhnt. Mit einem Mal jedoch rollten sie an, und die alte Süd sah nach kurzer Zeit aus wie auf dem Foto unten: Sie war verschwunden. An einem meiner Lieblingsplätze im Stadion klaffte plötzlich eine Baustellenwunde, wo früher die Anzeigetafel stand, stand nun nichts mehr. Unter dieser Tafel war die Stelle, an der ich oft gesessen habe nachts, weil das Stadion dort immer offen war, unbewacht – und um Mitternacht sehr ruhig. Es war schön, ganz alleine auf das stille Feld zu schauen, auf den Bunker auf der anderen Seite und den Kopf voller lauter Erinnerungen zu haben an schnelle Flügelläufe und rettende Tore. An diesem Ort hüpfen nun die jungen “Ultras” auf frischgetrocknetem Beton, alles ist größer und höher (zu hoch für mich), und trotz meiner Wehmut spüre ich kaum Trauer. Weil es besser ist, ein neues Stadion zu bauen als irgendwann gar kein Stadion mehr zu haben und keine Flügelläufe und keine rettenden Tore. Ja, das klingt rational, und das ist es auch. Ich melde mich wieder, wenn die Gegengerade abgerissen wird.

Baustelle Millerntor

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