Zusammengefasst (1)

Januar 25th, 2009

Was mich interessiert: das Verschwinden. Wenn etwas zurücktritt für etwas Neues. Wenn sich etwas ändert. Oder wenn sich Dinge mit einem Mal verstecken, aus dem Bild fallen – und nur noch, wenn überhaupt, ein Schatten bleibt. Das kann schmerzhaft sein oder frei machen. Oder beides oder in der Abfolge. Aus diesem Grund, und das ist kein Themenwechsel, fasziniert mich seit langem die Funktion “AutoZusammenfassen” von Word. Mit einem Klick schabt man einem Text das Fleisch von den Knochen. Aus einem Buch werden zehn Sätze. Aus einem Roman wird ein Fragment. Mal entsteht ein neuer Sinn, mal ist das Resultat skurril oder ernüchternd, aber stets ist es spannend, die Maustaste loszulassen und auf das Ergebnis zu warten. Aus Goethes “Faust. Der Tragödie erster Teil” macht Word zum Beispiel dies hier:

Nachher Mephistopheles.
Mephistopheles.

Faust. Mephistopheles.

MEPHISTOPHELES. Mephistopheles.
Faust.
Mephistopheles.
Mephistopheles.
Mephistopheles.

Ist das nicht toll? Wie schnell da klar wird, wer – zumindest für Word – die Hauptrolle in dem Stück spielt, wer agiert und wer reagiert. Besonders schön finde ich den trockenen Beginn: “Nachher Mephistopheles”. Das klingt wie ein Auszug aus Fausts Terminkalender: “Unbedingt Tisch reservieren – nachher Treffen mit Mephisto in Auerbachs Keller”.

Liebe Effi! …
Arme Effi.
Effi schwieg.
Effi lachte.
Effi nickte.
Effi lachte.
Effi nickte.
Effi schwieg.
Effi nickte.
Effi nickte.

Das ist die autozusammengefasste Version von “Effi Briest”. Sie reduziert den gesamten Text auf minimale Handlungen der Figur, die Fontanes Roman den Namen gibt. Als gäbe es darin keine anderen Personen. Es bleibt sogar offen, auf wen sich Effi Briest bezieht, wer am Anfang zu ihr spricht – und ob sie sich überhaupt ein Gegenüber hat. Vielleicht ist es auch eine Selbstreflektion: Sie spricht zu sich selbst und muss dann lachen und schweigen und nicken. Nur um sich am Ende selbst zu bestätigen: Ja, Effi, du bist lieb und arm. Wundervoll, was Software alles leisten kann.


2 Responses to “Zusammengefasst (1)”

  1. Snowball Says:

    Geil, dann kann man Faust sogar twittern!

  2. Sven Says:

    Man kann alles twittern, nur keine 141 Zeichen.

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